FMNR: Die Schätze liegen unter verdorrter Erde

Nachher: Beschattet, gedüngt, bewässert: Hier wachsen wieder Feldfrüchte

In vielen Teilen des Sahel werden Felder üblicherweise durch Brandrodung geschaffen. Diese Felder sind nach wenigen jahren unfruchtbar. Der Australier Tony Rinaudo hat eine Methode entwickelt,mit der Äcker und Gärten wieder bewirtschaftet werden können. "Farmer Managed Natural Regenaration" heißt sie und sie ist schnell, einfach und billig.

Bauer im Süden des Niger zu sein ist ein hartes Los. Die Erde ist nicht besonders fruchtbar, oft fallen Regenzeiten aus, das Vieh verdurstet, die Ernte verdorrt.

Auch Rabiou Mahamadou hat diese Erfahrungen gemacht. Sein Gesicht ist vom Staub und der Trockenheit in der Region Zinder gezeichnet, seine Hände künden von harter Arbeit. Und doch ist Rabiou ein Mann voller Zuversicht: „Früher hatte ich viele Misserfolge bei der Aussaat. Heute ist das ganz anders!“

Heute – das ist die Zeit nach einer kleinen grünen Revolution. Heute lässt Rabiou nicht nur Getreide und Gemüse wachsen, sondern auch Bäume. Mitten auf seinen Feldern. Doch was wie ein Widerspruch erscheint, sorgte für einen deutlichen Zuwachs an Produktivität. Farmer Managed Natural Regeneration (FMNR) nennt sich das Konzept. Es basiert im Wesentlichen auf der Erkenntnis, dass bestimmte heimische Bäume das Wachstum von Feldfrüchten unterstützen.

Klingt einfach, aber die bisherigen Gewohnheiten beim Anlegen eines Feldes zu ändern ist schwierig. Bislang reißen Bauern beim Roden und Pflügen alles mit Stumpf und Stiel heraus, was das Wachstum von Nutzpflanzen behindern könnte. Bäume sind da nur im Weg. So entstehen Ackerflächen, in denen Monokulturen das Bild prägen. Doch Monokulturen sind anfällig und saugen den Boden schnell aus. Die Ernten auf diesen degradierten Böden werden von Jahr zu Jahr schlechter. Wind und Regen tragen zudem die fruchtbaren Schichten ungehindert ab.

„Auf den Feldern, auf denen es Bäume gibt, können die Ernteerträge und die jährliche Rendite teilweise verdoppelt werden“, erklärt Salifou Yaou, Experte für FMNR in Niger. „Die Wurzeln der Bäume halten mehr Wasser im Boden und die Baumkronen spenden Schatten.“

Im Unterschied zu früheren Wiederaufforstungsaktionen werden jedoch nicht einfach ein paar Bäume in die Felder gepflanzt. Wachsen soll, was schon da ist. Was an die örtlichen Umgebungen angepasst und widerstandsfähig ist. Und zu finden ist es direkt unter den Feldern.

Dort liegen Wurzelausläufer oder Samen, die nur darauf warten, wieder auszutreiben. Der Bauer lässt diese Triebe stehen, beschneidet die heranwachsenden Bäume so, dass nur die stärksten Zweige sich entfalten können. Gesunde Bäume sorgen dann mit ihrem Blattabwurf für Dünger, wie zum Beispiel der Annabaum, dessen Blätter stark Stickstoff haltig sind. Die Blätter des Moringobaumes haben noch einen weiteren Nutzen: In ihnen stecken viele Vitamine. Ebenso in den Früchten des Sisyphus-Baumes, die zudem noch den Boden düngen.

Die FMNR-Technik wurde von Tony Rinaudo, Experte für natürliche Resourcen und Wiederaufforstung entwickelt. Vor etwa 30 Jahren startete Rinaudo in Niger mit den ersten Experimenten. Bis heute wurde geschätzt etwa die Hälfte des Ackerlandes in Niger so behandelt. „Viele Bauern haben ihre Ackerbau-Methoden umgestellt, weil sie schnell die positiven Auswirkungen sehen können“, sagt Yaou. Erfolge zeigten sich nicht nur in guten Jahren, sondern auch in Dürre-Zeiten, erläutert er. So könnten die Bauern in schlechten Zeiten Äste von den Bäumen ernten und als Feuerholz verkaufen. Auch das Holz einiger Bäume könne als Bauholz verkauft werden. „Mit diesem Einkommen können die Landwirte ihre Familien in schlechten Zeiten ernähren und ihre Kinder weiter zur Schule schicken“, so Yaou.

Wichtig ist es vor allem, von Anfang die lokale Bevölkerung mit in das Projekt einzubeziehen. World Vision setzt dabei auf peer-group-Aktionen. Die Bauern selbst sollen ihre Erfahrungen mit FMNR anderen Bauern weiter vermitteln. Dazu wandern sie in kleinen Teams von Dorf zu Dorf. Aber auch die Behörden müssen mitziehen. So galten Bäume früher in Niger grundsätzlich als Eigentum des Staates – die Bauern hatten schlicht kein Interesse an ihrem Erhalt. Das hat sich mit neuen Gesetzen grundsätzlich geändert.

Niger, Senegal, Ghana – bald auch in Kenia und möglicherweise Somalia. Das ehrgeizige Ziel eines „Grünen Afrikas“ rückt näher. Mit Vorteilen für die Natur, denn die Biodiversität steigt, wenn mehr Bäume für ein reichhaltigeres Lebensumfeld von Tieren sorgen – und mit Nutzen für den Menschen, dessen Ernährungslage sich nachhaltig und deutlich verbessert.


03.07.2012 11:20
World Vision Deutschland