Sandra Hieke, Dipl. Forstwissenschaftlerin und Waldexpertin für Greenpeace, schreibt für euch darüber, wie ist es um den deutschen Wald wirklich bestellt ist.
“Jedes Jahr verschwinden weltweit rund 13 Millionen Hektar Wald. Aufgrund dieser massiven Waldvernichtung, die eine existenzielle Bedrohung für Millionen von Menschen ist, hat die Welternährungsorganisation FAO in den 70er Jahren den 21. März zum “Internationalen Tag des Waldes” ernannt. Doch wie wird der 21. März in Deutschland begangen?
Schauen wir mal: Aha, hier und da wird symbolisch ein Baum gepflanzt und da, eine Presseerklärung zum Waldschwund. Prima. Aber so richtig ernst nimmt ihn in Deutschland niemand, den guten alten internationalen Tag des Waldes. Hängt das wirklich, wie einige vermuten, damit zusammen, dass an den Bäumen noch keine Blätter sind? Oder denken einfach zu viele, das mit der Waldvernichtung, das betrifft uns nicht, die Waldfläche in Deutschland wächst doch?
Wie ist es also um den deutschen Wald bestellt? Wächst die Waldfläche tatsächlich und alles ist gut? Und wie hat sich der deutsche Wald in 300 Jahren Nachhaltigkeit verändert? Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der Wald in Deutschland verwüstet: Holz war ein wichtiger Rohstoff im Großgewerbe, vor allem der Hunger nach Energieholz z.B. zur Herstellung von Glas fraß sich durch die Wälder. Auch der Liberalismus forderte seinen Tribut. Zahlreiche Wälder wurden in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt: Anfang des 19. Jahrhunderts gibt es laut ersten Forststatistiken nur noch rund 8,6 Millionen Hektar Wald in Deutschland (bezogen auf die damalige Landesfläche).
Im Zuge der Holznot entsteht 1713 der Begriff der Nachhaltigkeit. Die Holznutzung wird beschränkt, Glashütten werden stillgelegt, Holz wird substituiert und tierisch teuer, die Hochöfen werden verbessert, es gibt strengere Forstordnungen. Die Bemühungen einiger Landesforstverwaltungen, die Wälder wieder aufzubauen, zahlen sich zu Beginn des 20. Jahrhundert auch aus: Die Waldfläche in Deutschland nimmt zu und beträgt zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 9,9 Millionen Hektar.
Nach dem ersten Weltkrieg schlägt sich der hohe Holzbedarf noch einmal nieder und die Waldfläche nimmt wieder leicht ab. Von da ab geht es aber grob gesagt flächenmäßig stetig aufwärts: heute beträgt die Waldfläche in Deutschland rund 11 Millionen Hektar, Tendenz steigend. Die Waldfläche hat in den letzten 300 Jahren also zugenommen, eine forstwirtschaftliche Leistung- Prädikat „rein flächenmäßig nachhaltig.“ Aber wirtschaftete die Forstwirtschaft in den letzten 300 Jahren auch nachhaltig auf der Fläche? Was ist drin, im deutschen Wald?
Unsere Wälder heute – eine Leistung der nachhaltigen Forstwirtschaft?
Ursprünglich bedeckten Buchenwälder zwei Drittel der Landesfläche Deutschlands. Doch mit der Zeit und unter den unterschiedlichsten geschichtlichen Einflüssen wurden unsere Naturwälder sukzessive in Kunstforste aus Nadelholz, vorwiegend Fichten, umgewandelt. Dabei kommen Fichten in Deutschland natürlicherweise höchstens auf Sonderstandorten vor. Wie konnte das passieren?
Bevor die „nachhaltige“ Forstwirtschaft so richtig Gas geben konnte, lag der Laubbaumanteil bei schätzungsweise 75 Prozent. Um 1900 waren die Laubwälder bereits auf ein Drittel reduziert. Das Verhältnis von Laubholz zu Nadelholz hatte sich umgekehrt: Denn schon die damaligen Vertreter der Nachhaltigkeit waren „Verfechter der Verfichtung“: “Es kann daher die Fichtenkultur nicht dringend genug empfohlen werden.” (Hartig, Georg Ludwig (1833): Gutachten über die Frage: Welche Holzarten belohnen den Anbau am reichlichsten und wie verhält sich der Geldertrag des Waldes zu dem des Ackers?, Berlin, zitiert nach: Sperber (1994)). Bei der „Erfindung der Nachhaltigkeit“ ging es also weniger darum, den Wald gesund zu machen, als darum, den industriellen Holzbedarf zu decken. Das Kahlhiebverfahren mit Saat und Pflanzung von Nadelbäumen ermöglicht eine schnelle Umwandlung der Wälder in Nadelforste – der reinste Holzackerbau macht sich breit.
Mitte des 20. Jahrhunderts reißt der Zweite Weltkrieg weitere Wunden in den deutschen Wald: Es gibt generell zu hohe Hiebssätze und auch die Franzosen fordern mehrere Millionen Festmeter Holz als Reparationshiebe. Zu allem Überfluss verursacht eine schlimme Borkenkäferkalamität zigtausend Hektar Kahlflächen. Aber auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird noch großflächig mit reinen Fichtenbeständen aufgeforstet, auch weniger gut geeignete Standorte werden bepflanzt, Schnellwüchsigkeit und Profit zählen.
Die Rechnung dafür zahlen wir noch heute: Die Stürme der 90er Jahre vernichten riesige Flächen an Fichtenforsten auf einen Schlag und lehren uns, dass der Anbau standortsfremder Baumarten in diesem Ausmaß sich nicht bezahlt macht, geschweige denn nachhaltig ist und wenn sie noch so schnell wachsen.
Keine Frage, die Forstwirtschaft hat ihre Erfahrungen gemacht, das Wissen um die ökologische Bedeutung des Waldes hat sich gemehrt. Dennoch sucht man vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Angst einer möglichen Holzlücke wieder nach neuen Nadelholzalternativen für den Brotbaum der Nation. Könnte die Douglasie uns vielleicht retten? Kinder, Kinder, lernen wir’s denn nie? Vor dem Hintergrund des Klimawandels brauchen wir möglichst stabile, naturnahe Laubwälder und nicht die nächste Nadelholzkatastrophe.
Bis heute ist die Fichte an Stelle der Buche die häufigste Baumart in Deutschland, besonders alte Buchenwälder sind rar geworden, die geplante Umwandlung geht nur schleppend voran, Nadelholz ist sehr gefragt. Was tun wir also heute, am 21. März 2013, dem Internationalen Tag des Waldes im Jahr der Nachhaltigkeit für den deutschen Wald?
Wir schlagen täglich durchschnittlich 153813 Festmeter Holz (bei etwas über 56 Mio Festmeter pro Jahr) und pflanzen symbolisch hier und da einen Baum. Na hoffen wir mal, dass der Wald es uns dankt!”