Land Berlin setzt Maßstäbe bei Holzbeschaffung

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Die nachhaltige Beschaffung von Holz ist nach wie vor ein facettenreiches Spannungsfeld. Auf der einen Seite will sie den globalen Waldflächenverlust bremsen und die forstliche Zertifizierung stärken. Auf der anderen Seite muss sie entlang der gesamten Lieferkette die Akzeptanz für die betrieblichen Vorgaben zum Wohle von Umwelt, Klima und Natur herstellen. Angesichts dieser hoch gesteckten Ziele müssen sämtliche öffentliche Beschaffungsregeln praktikabel, wirksam und überprüfbar sein.

Zur weiteren Optimierung der öffentlichen Beschaffung von Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft haben 18 Monate nach dem 1. Fachdialog die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH erneut nach Berlin geladen. Wie schon in der ersten Veranstaltung im Oktober 2014, trafen sich am 26. April 2016 Expert(inn)en und Interessierte aus Verwaltung sowie von Unternehmen, Verbänden und Dienstleistern. Mitausrichter der Veranstaltung war dieses Mal auch die Sustainable Tropical Timber Coalition (STTC). Ausgewiesene Fachleute trugen facettenreich zum weiten Spannungsfeld einer nachhaltigen Holzbeschaffung vor. Konstruktiv und in lebhafter Debatte brachten sich viele der 100 Teilnehmer in die Diskussionen ein.

Michael Thielke von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Berlin, begrüßte die Teilnehmenden und machte in seinem Vortrag gleich deutlich, dass umweltverträgliche Beschaffung nicht dem Selbstzweck dient, sondern dadurch die CO2‐Treibhausemissionen um fast die Hälfte gesenkt und bei den Beschaffungskosten jährlich ca. 38 Mio. Euro eingespart werden können. Vor diesem Hintergrund hat der Berliner Senat in der Verwaltungsvorschrift „Beschaffung und Umwelt“ (VwVBU) verbindlich vorgegeben, dass bei öffentlichen Baumaßnahmen ausschließlich Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft eingesetzt werden darf. Im Fachaustausch mit verschiedenen Akteuren wurde hierzu ein praxistaugliches lückenloses Nachweisverfahren (Einzelnachweis oder Zertifikat) für Unternehmen entwickelt.

Der Rohstoff Holz ist weltweit begehrt – als Baumaterial, für die Energiegewinnung oder zur Möbelproduktion. Illegaler Holzeinschlag trägt jedoch zur Entwaldung großer Landstriche bei, vor allem in tropischen Ländern. Ohnehin werden dort Wälder vielfach nicht nur wegen der Holzernte gerodet, sondern vor allem, um Platz für Acker‐und Weideland oder Soja‐ und Palmölplantagen zu schaffen. Zudem ist der illegale Export wertvoller Hölzer, an Zoll und Steuergesetzen vorbei, für die beteiligten Unternehmen ein finanziell attraktives Geschäft. So beträgt der globale Waldflächenverlust ca. 15 Mill. Hektar jährlich, zu 96 % in tropischen Regionen. Frau Dr. Höltermann vom Bundesamt für Naturschutz zeigte in ihrem Vortrag auf, welchen Beitrag eine grüne öffentliche Beschaffungspolitik für den Erhalt der Biodiversität in Wäldern leistet und dass diese ein wichtiger Baustein der Gesamtstrategie zur weltweiten Bekämpfung illegalen Holzeinschlages ist.

Der 2. Fachdialog ist ein deutscher Beitrag zur European Sustainable Tropical Timber Coalition (STTC), einem Verbund aus Kommunen, Verbänden und Unternehmen, die u.a. für die Verwendung von nachhaltig angebautem Tropenholz wirbt. Beindruckende Zahlen zur Bedeutung der öffentlichen Beschaffung im Markt für Holzprodukte präsentierte Marc van Benthem (STTC) aus den Niederlanden. Die Beispiele zu Evaluierung von öffentlichen Bauprojekten in Holland zeigten, wie wichtig ein verständliches und akzeptiertes System der Lieferkettenprüfung ist. Die Bauwirtschaft in den Niederlanden hat sich auf diese Rahmenbedingung eingestellt, mittlerweile sind über 1.000 Baubetriebe zertifiziert. Am Beispiel der Stadt Rotterdam wurde aufgezeigt, dass durch die gezielte Nachfrage der öffentlichen Hand heute nur noch zertifiziertes Holz eingesetzt wird.

Andreas Brede (GIZ) führte die Tagungsteilnehmenden in seinem Beitrag zu den Instrumenten der Zertifizierung, die für eine wirkungsvolle öffentliche Beschaffung unabdingbar sind. Mit dem Ansatz “Schutz durch Nutzung” soll das Interesse am Erhalt nachhaltig bewirtschafteter Wälder wachsen, Zertifizierung schafft Vertrauen auf dem langen Weg vom tropischen Wald bis zum Einbau der Holzprodukte.

Die Bedeutung des Holzhandels für einen solchen Vertrauensaufbau hat der Gesamtverband Deutscher Holzhandel e.V. erkannt und bietet seit 2011 Gruppenzertifizierungen für seine Mitgliedsunternehmen an. Die Hauptakteure sind mittlerweile zertifiziert, aber auch kleinere Betriebe wollen diesen Weg gehen. Klares Fazit: zertifiziertes Holz ist da, der Handel ist auf die unterschiedlichsten Bedarfe bestens vorbereitet, aber es fehlt noch an der Nachfrage.

Im 2. Fachdialog wurden auch die erforderlichen Nachweisverfahren vorgestellt, damit Bieter weiterhin an öffentlichen Ausschreibungen des Landes Berlin teilnehmen können. Für einen Einzelnachweis hat die Überprüfung an Hand von vier Kriterien durch akkreditierte Zertifizierungsstellen zu erfolgen. Diese Kriterien wurden von der Senatsumweltverwaltung in Abstimmung mit dem Thünen‐Institut entwickelt. Arne Kuck von der Zertifizierungsstelle „GFA“ eröffnete diesen Veranstaltungsteil und stellte das Prozedere eines Einzelnachweises vor. Damit kann insbesondere bei kleinen Aufträgen kostengünstig und kurzfristig nachgewiesen werden, dass durch einen nicht zertifizierten Betrieb ausschließlich nachhaltig erzeugtes Holz verbaut wurde. Akkreditierte Zertifizierungsunternehmen wie NEPCon, TÜV Nord, GFA und SGS bieten auf Initiative der Berliner Senatsumweltverwaltung entsprechende Angebote an. Dieses “Berliner Modell” der Nachweisführung bietet eine gute Grundlage für die Verwendung beispielsweise auch bei Bundesbauten.

Über die Vorteile der Gruppenzertifizierung berichtete Bernd Bielen von Its Business Time, der als Gruppenmanager der cert. company die größte Handwerkergruppe in Deutschland betreut. Kooperationsvereinbarungen mit Handwerksorganisationen bieten den Unternehmen einen kostengünstigen, schnellen und einfachen Zugang zu den notwendigen Nachweisverfahren.

Gerhard Winkler berichtete, dass ab Sommer 2016 die Zertifizierung Bau GmbH die Akkreditierung für Produktkettenzertifizierung erhalten wird und zukünftig die Nachweisführung für Unternehmen des Bau‐und Ausbaugewerbes auch anbieten wird.

Vorstellungen und Diskussionen zu Praxisbeispielen aus verschiedenen Bereichen bildeten den nächsten Schwerpunkt des Fachdialogs. Martina Pongratz‐Witschurke aus der Planungsabteilung Hochbau der Senatsbauverwaltung berichtete über ein Projekt in Berlin. Dort gelang es, durch die enge und konstruktive Zusammenarbeit mit ausführendem Betrieb und Holzhändler, die Gebäudehülle ausschließlich mit zertifiziertem Holz auszuführen. Sascha Herzberg von Holzhändler Roggemann bestätigte, dass viele Produkte im Holzhandel bereits zertifiziert sind und der Anteil bei Nachfragesteigerung weiter wachsen wird. Gerhard Fraenkel vom Galabau Kanold informierte über die Motivationen und Herausforderungen bei der Zertifizierung im vergangenen Jahr; sein Unternehmen nutzt diese Qualifikation proaktiv in der Kundenansprache. Die Nachfrage seitens der Marktpartner, eine gelebte Verantwortung für den Bau‐und Werkstoff Holz sowie das Bekenntnis des Berliner Senats, die Verwaltungsvorschrift aus 2013 konsequent anzuwenden, motivierte Michael Thieß seine Tischlerei in Berlin zertifizieren zu lassen. Er erhielt nach der Diskussionsrunde, aus den Händen von Carsten Kahlert (TÜV Nord) sein Chain‐of‐Custody Zertifikat überreicht.

Statements der Berliner Tischlerinnung durch Sebastian Bobinski und durch Anke Maske für die brandenburgischen Dachdecker‐und Tischlerinnungen bildeten den Abschluss des Veranstaltungstages. Hier wurde nochmals gefordert, dass ein pragmatischer Ansatz für die Nachweisführung notwendig sei. Weitere administrative Belastungen würden den oftmals kleinen Handwerksunternehmen die tägliche Arbeit erschweren.

Viele Meinungen und Positionen wurden beim Fachdialog ausgetauscht; durchgängig bestätigt wurde, dass alle Akteure den sorgsamen Umgang mit Wäldern und die Verwendung von nachhaltig erzeugtem Holz als besonders wichtig erachten.

Das Berliner Modell der Nachweisführung mittels eines Einzelnachweises oder einer Gruppenzertifizierung wird auch für kleinere Betriebe als praktikabel angesehen, nun muss es sich in der Praxis bewähren. Hierzu bietet Thomas Schwilling von der Senatsumweltverwaltung auch zukünftig Unterstützung an:

 

- Schulungen und Beratungsangebote vorrangig für öffentliche Beschaffer,

- FAQ‐Listen für Präzidenzfälle und

- weiterhin konstruktiven Austausch mit den Marktpartnern aus Holzhandel und Verarbeitung.

 

Ziel ist es, die Akzeptanz für die Berliner Entscheidung für eine nachhaltige öffentliche Beschaffung bei allen Akteuren weiter zu steigern und durch die konsequente Umsetzung der Vorgaben der Berliner Verwaltungsvorschrift einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Waldwirtschaft zu leisten.

 

Für mehr Informationen:

Die Dokumentation des 2. Fachdialogs ist eingestellt unter dem Link.

 


31.05.2016 09:17
Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt

Thomas Schwilling

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt

Fachbereich: Abfallwirtschaft und nachhaltige Beschaffung

Brückenstraße 6

10179 Berlin