Um die Dynamik unserer Umbruchzeit in den vergangenen 10 Jahren besser begreifen zu können, müssten wir eine Reise zurück in die Zeit machen. Was vor kurzem passiert ist hat in vielen Fällen Ursprung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der Welt, die aus dem Zweiten Weltkrieg erwacht ist und im Kalten Krieg zurechtkam. Ein bemerkenswerter Moment, um diese Geschichte anzufangen ist das Jahr 1957, das Jahr, worin die Sowjetunion die Welt mit dem Start von Sputnik 1 überraschte. Amerika erschrak vor dem Vorsprung und um solche Überraschungen in der Zukunft vorkommen zu können, hat das USA- Verteidigungsministerium Advanced Research Project Agency gegründet. ARPA ist eine Agentur, die technologische Forschung und Entwicklung für die Verteidigungszwecke koordinieren musste. Mehr Koordination schien nach Erfolgen der zentral koordinierten Forschungsaktivitäten in der Sowjetunion wirklich nötig.
Am 12. September 1969 verbindet ARPA zum ersten Mal zwei Computer mit ARPANET zwischen Stanford University und University of California in den USA. (UCLA). ARPANET war sozusagen der Vorläufer des modernen Internets, der mit TCP/IP-Protokoll erst in 1983 entstand und seitdem einen enormen Wachstum mitmachte. In 1987 zählt der Internet 28.000 Hosts. In 1988 wird bei MIT der erste Computervirus entwickelt. 1988 ist die erste europäische Internetverbindung Realität. Der Internet wächst explosiv und zählt in 1989 schon 100.000 Hosts. Niemand hätte damals ahnen können, dass der Internet zu tiefgreifenden Veränderungen führen würde und eine nicht zu unterschätzende Rolle bei den drei Umbruchmomenten in der Geschichte spielen würde.
Marktwirtschaft gegen Planwirtschaft
Gleichzeitig erfahren zwei Großmächte in der Welt USA und die Sowjetunion Probleme mit eigenen Wirtschafsmodellen.
In Amerika richtet sich der Präsident Reagan immer mehr auf den Abbau der Staatssystems und auf die verstärkte Marktwirkung durch die Entwicklung der Wirtschaft. Die Deregulierung verläuft Hand in Hand mit der Erhöhung des Verteidigungshaushaltes, der einen außergewöhnlich starken Impuls der Wirtschaft gibt. Man profitiert von der Deregulierung sowie des Marktes, der von Militärausgaben unterstützt wird und von den Vorteilen der dezentralisierten wirtschaftlichen Beschlussfassung profitiert. Außerdem profitiert er auch vom Internet, der Wechselwirkung zwischen unabhängigen wirtschaftlichen Spielern ermöglicht. Hinter dem Abbau des Staatssystems steht die Lehre über die dezentralisierte freie Marktwirtschaft, deren leidenschaftlicher Verteidiger Friedman war.
Gleichzeitig beobachtet man in der der Sowjetunion eine Stagnation der Wirtschaft, die vom Verteidigungshaushalt völlig abhängig wird und wodurch die Anpassungen an die Anforderungen der modernen Wirtschaft unmöglich werden. Die zentral gesteuerte Wirtschaft wird mit einer unübersichtlichen Beschlussfassung konfrontiert, wodurch es zu Produktionsüberschüssen kommt, wo es keine Nachfrage gibt, andererseits und zum Angebot, andererseits, das Nachfrage nicht befriedigen kann. Das zentralisierte Modell wird in den Perestroika-Zeit gründlich reformiert, was Wirtschaftswachstum in den Jahren danach beweist, aber der Eingriff kommt eigentlich viel zu spät, um die Amerikaner noch nachholen zu können.
In 1990 beträgt das BIP in der Sowjetunion 9.211 USD pro Einwohner und in Amerika 21.082 USD. Eine Wirtschaftskultur mit als Basis Deregulierung, freies Unternehmen und Internetverbindungen verstärkt die Marktwirtschaft, während die Planwirtschaft mit fehlenden Einsichten und Daten konfrontiert wird, wobei der Internet viel langsamer im täglichen Leben Fuß fasst.
Erster Umbruch
Ein Jahr, nachdem der Internet Europa erreicht hat, ist die Berliner Mauer gefallen. Die dezentralisierte Planwirtschaft scheint im Vergleich mit der immer produktiv funktionierenden Marktwirtschaft, mit Entwicklung der dezentralen durch den Internet im Netzwerk verbundenen Computersysteme viel zu schwach zu sein. Die in der Marktwirtschaft wachsende Euphorie ist nach dem Fall der Berliner Mauer wirklich enorm groß, die eigentlich das Versagen der Planwirtschaft ans Licht bringt. Freie Marktwirtschaft, Deregulierung und das abgebaute Staatssystem werden im wirtschaftlichen Denksystem eine Art Adagio ohne Widerspruch .
Wirtschaftsmodelle, die die Marktwirtschaft in Frage stellen, fallen in der Zeit wie Dominosteine. Das Genossenschaftsmodell von Raffeisen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird als ein kommunistisches Modell bezeichnet und damit zu Tode verurteilt. Hayek hat noch in 1974 für seine Einsichten in die Verbände zwischen wirtschaftlichen, sozialen und institutionellen Phänomenen den Nobelpreis bekommen, hat ihn aber verweigert. Er hat den Preis zusammen mit Myrdal bekommen, der mit der Theorie der kumulativen Kausalverbände bewiesen hat, das das Zentrum sich in der Wirtschaft auf die Kosten der Peripherie entwickelt. Die Peripherie profitiert ohne Zweifel von der Entwicklung des Zentrums, während es gleichzeitig eine Gefahr gibt, dass sie Opfer der Rückspüleffekte wird, wobei Grundstoffe und menschliches Kapital zugunsten des Zentrums entzogen werden. Die Geschichte wird die Bedeutung ihrer Denkweise im zweiten Umbruch weiter verdeutlichen.
Alles steht jetzt im Zeichen der freien Marktwirtschaft, mit Friedman als großer Befürworter , wobei sowohl die Gesellschaft als auch die Strukturen ordentlich funktionieren, wenn die Wirtschaft wirklich frei ist.
Mit der Entwicklung des Internets wird das System vorläufig aus den exponentiellen Produktivitätsgewinnen gespeist und beweist damit die Hypothese. Die Staatsstrukturen werden mehr unter Druck aus dem IWF und der Weltbank, die die Vorlesungen von Friedman besuchen, abgebaut. Beeindruckender Wachstum ist möglich u.a. durch exponentiellen Produktivitätswachstum sowie die Energiequellen, die unerschöpflich scheinen zu sein und den Produktionsapparat beliefern. Aber in der Euphorie verbirgt sich ein Systemrisiko, wovor Hayek und Myrdal bereits gewarnt haben.
Ein zweiter Umbruch am Horizont
Wo Deregulierung und Internet in erster Linie eine starke dezentral organisierte Wirtschaft befördern, wird es durch die Globalisierung einerseits und Informations- und Interneteinfluss andererseits möglich, dass multinationale Unternehmen lokale Bedürfnisse weltweit befriedigen. Durch die steigende Produktivität im Weltformat entwickeln sich Konzerne sehr schnell, wodurch wirtschaftliche Zentren, wie Myrdal sie beschrieben hat, nicht mehr geografisch gebunden sind. Es kommt zur Bildung neuer geografischer Entscheidungsträger rund die Kapitalkonzentration auf den Börsen, wobei die Mobilität des Kapitals jeden Staatseingriff in die freie Welt effektlos macht. Diese neue Zentralisationsform führt zu effizienten Produktionsapparaten, die aber gleichzeitig keine Bindung mit der lokalen Realität aufweisen. Konsummuster werden vom Angebot bestimmt. Und die Regulierung führt zum Abbau des Staatsapparats einerseits und erstaunlicherweise gleichzeitig zum Schuldensteigerung andererseits.
Nachfrage und Angebot werden immer mehr auf rein wirtschaftliche Parameter abgestimmt. Wirtschaft ist kein Motor mehr, um gesellschaftliche Entwicklung zu ermöglichen, sie wird sozusagen der Dirigent, auf den die Gesellschaft wie in einem Orchester hören muss. Eine zentral gesteuerte Wirtschaft wird immer weniger real, weil die besten Kompetenzen immer öfter in der rein finanziellen Welt eingesetzt werden, weil das Geld ein ideales Produkt ist, das den Wetten von Nachfrage und Angebot perfekt entspricht. Habgier und Angst spielen die erste Geige im Weltorchester sowie die Axiome über die Endlosigkeit der Energiequellen. Dadurch wird die reale Wirtschaft zu groß um fallen zu dürfen. Somit ist also ein sehr berechenbares Systemrisiko in den Kern der Weltwirtschaft gekrochen.
Der zweite Umbruchmoment
Im Moment, dass die Axiome über einen endlosen Wachstum und unerschöpfliche Energiequellen keinen Boden mehr unter den Füssen haben, weisen finanzielle Produkte keine Begründung mehr auf, und im Jahre 2008, genau 20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, fällt mit der Krise rund Lehmann Brothers der erste Dominostein der Weltkrise, die wir bis jetzt noch spüren. Die freie Marktwirtschaft hat damit nicht nur eigene Grenzen gezeigt, sondern auch das Systemrisiko aus den Werken von Hayek und Myrdal bestätigt, wofür die beiden Forscher noch in 1974 die Nobelpreiserkennung bekommen hatten.
Während die Planwirtschaft in den 80er Jahren die Schwäche eines zentralisierten Modells gezeigt hat, hat im ersten Jahrzehnt eines neuen Jahrhunderts die Marktwirtschaft-nach einem anderen Szenarium- gezeigt, wie die Wirtschaft, die rund Wall Street und anderen finanziellen Börsen zentralisiert ist, verwüstende Effekte auf die Wirtschaft in der Dorfstraße verursachen kann.
Aller guten Dinge …
Der Fall von Berliner Mauer sowie von Lehman Brothers bedeute zu zwei verschiedenen Zeitpunkten gnadenlose Messtische für zwei Wirtschaftsmodelle, Planwirtschaft bzw Marktwirtschaft. Und obwohl die beiden jahrzehntelang wie Wasser und Feuer koexistiert haben, haben sie im Grunde genommen das gleiche Systemrisiko als Ursache des Untergangs. Übertriebene Zentralisierung verursacht zu einem bestimmten Zeitpunkt eine totale Entkopplung der zentral genommenen Entscheidungen von den Konsequenzen auf dem lokalen Niveau, wodurch eine Voraussetzung zum Systemumbruch entsteht.
Beide Modelle sind mit als Ziel Verbesserung der Gesellschaft in der Dorfstraße entwickelt, und der Systemumbruch wurde immer verschoben. In der Planwirtschaft wurde Zeit durch die Kombination der politischen Macht mit übertriebenen Regulierung und einem steigenden Verteidigungshaushalt gewonnen. In der Marktwirtschaft dagegen wurde Zeit durch Kombination der Wirtschaftsmacht mit Deregulierung und einem steigenden Verteidigungshaushalt gewonnen. In beiden Systemen resultierte das aber in steigenden Staatsschulden, Entfremdung des Machtzentrums von der Peripherie und Zentralisierung, die ein starkes Beben sogar nach dem Umbruch verursachte.
Beide Systeme haben versucht, die Gesellschaft zu verbessern, haben aber ihre Ziele aber nicht erreicht, weil sie diese nicht nachhaltig gesichert haben. Man sagt aber aller guten Dinge sind……
Ein dritter Umbruchmoment in Sicht ?
Bei dem Fall der Berliner Mauer ist die Welt unter dem Einfluss der Sowjetunion in einen Schock geraten, hatte aber gleichzeitig Erfolg mit der neuen Denkweise dank den Bemühungen von Friedman, der Weltbank sowie dem IWF, um in der Zeit der Verwirrung überall die Marktwirtschaft einzuführen, sogar im ehemaligen Kern der Planwirtschaft. Der Fall von Lehman Brothers verursacht wieder ein starkes Erdbeben in der ganzen Welt. Beim Aufwachen nach diesem Schock entdeckt die Welt, dass die Staatsschulden durch die Garantien für die früheren Systemrisiken stiegen und die Umweltproblematik sowie das Axiom der unerschöpflichen Energiequellen eine Art Illusion, optische Täuschung, sind.
Das Systemrisiko, das sich sowohl in der Plan- als auch in der Marktwirtschaft wurzelt, besteht in der exklusiven Abhängigkeit von den zentralisierten Entscheidungsträgern. Und damit kommen wir zur Bedeutung der Wirtschaft für eine Dorfstraße sowie zur Frage, wie man die Dorfstraße bei wirtschaftlichen Entscheidungen einbeziehen könnte.
Mit der Erdaufwärmung schmilzt der Schnee auf dem Wirtschaftsmodell von Raffeisen, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden ist und das eigentlich die beiden Umbruchmomente in der Geschichte der Wirtschaftsmodelle ehrenvoll überlebt hat. Genossenschaft ist ein ausgezeichnetes Modell, um finanzielle Macht der Dorfstraße in den Händen der Dorfstraße lassen zu können, das aber sowohl wirtschaftliche Konzentrationen als auch Maßstab-Vorteile möglich macht. Und das kommt, weil in der Struktur der Genossenschaft diese Dorfstraße sogenannt am Zug ist und auch am Zug bleibt. Das ist ein Kennzeichen der Genossenschaften, wodurch sie die beiden Umbruchmomente überlebt haben. Sie haben nie mit der Loskopplungen und dem Loslassen der wirtschaftlichen Entscheidungen mitgemacht, weder unter politischem noch unter wirtschaftlichem Druck, sie hatten zu allen Zeiten ihren Fokus auf die Dorfstraße gerichtet. Weil Wirtschaft den Interessen der Dorfstraße dienen müsste. Genossenschaften, die diese Interessen für die von Wall Street umgetauscht haben, haben mentalen Konkurs erlebt und dienen als Beweis der lokalen Verankerung der genossenschaftlichen Denk- und Handlungsweise.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es noch keinen Internet und die Rekultivierung der Brandstoffe, wie wir diese in den vergangenen Jahrzehnten mitgemacht haben, steckte noch in Kinderschuhen. Heutzutage kann das genossenschaftliche Modell mit dezentralen Technologien für Energieersparnisse, nachhaltigen Energietechnologien, Teilen von Energie, dezentralen Kommunikationstechnologien sowie mit Internet und Social Media kombiniert werden. Die zwei technologischen Revolutionen ermöglichen eine bisher ungekannte Produktivitätssteigerung, aber in der Art und Weise, die es näher zur Dorfstraße bringt , und wodurch die Systemrisiken vermieden werden. Das genossenschaftliche Modell stimuliert Nische-Spieler, ist effizient in Denk- und Handlungsweise und dezentralisiert. Und die Rolle des Staates? Nicht bremsen und bei Erfolgen nicht zu vergessen zu gratulieren.
Mit einem neuen Umbruchmoment verbessern wir somit unsere Chancen….. Man sagt doch : aller guten Dinge sind drei….
johan@ilanga.org