Polareisschmelze: Kein Grund für Entwarnung. Die Zeitungen verkünden die frohe Botschaft: „Eisschmelze in der Arktis weniger dramatisch“. Wissenschaftler bestätigen, dass der Rückgang des Nordpolareises 2013 geringer ausfiel als im Vorjahr. Entwarnung aber geben sie nicht: „Dieser Wert bedeutet allerdings keine Trendwende“, urteilt der Meereisphysiker Marcel Nicolaus vom Alfred-Wegener-Institut.
Mit immerhin noch 5,1 Millionen Quadratkilometer war die Eisfläche zu Beginn des September um gut 50 Prozent über dem Negativrekord von 3,4 Millionen Quadratkilometer aus dem Jahr 2012. Soweit die schöne News. Die beobachtete Eisbedeckung, so sagen die Wissenschaftler, reihe sich jedoch in die geringen Werte der zurückliegenden Jahre ein und „bestätige die langfristige Abnahme der arktischen Meereisdecke“, heißt es in einer Pressemeldung der Universität Hamburg.
Eisschichten der Arktis immer dünner
„In diesem Jahr war nicht mit einem neuen Negativ-Rekord der Meereisfläche zu rechnen, denn die Statistik zeigt, dass auf ein Rekordjahr stets eine kurzfristige Erholung folgt“, sagt Lars Kaleschke vom Klimacampus der Hamburger Hochschule, „daher können Trends nur durch die Betrachtung langer Zeiträume richtig erfasst werden.“
Die Änderungen der sommerlichen Eisbedeckung resultieren laut den Wissenschaftlern aus einem komplexen Zusammenspiel: „Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Eisbedingungen im Frühjahr, der Verlauf der Schmelzsaison sowie die atmosphärischen Bedingungen im Sommer“, erklärt Marcel Nicolaus vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). So beeinflusse zum Beispiel die vorherrschende Windrichtung maßgeblich, ob die Eisflächen auseinandergetrieben oder zusammengeschoben werden. „Und schon ein geringer Eintrag von mehr Wärme in die Arktis reicht aus, um die insgesamt immer dünner werdenden Eisflächen ganz verschwinden zu lassen“, sagt Nicolaus.
Vor diesem Hintergrund rechnen die Wissenschaftler auch in den nächsten Jahren mit großen Schwankungen der sommerlichen Meereisbedeckung in der Arktis.
In diesem Sommer beobachteten die Forscher besonders Schmelztümpel auf dem Meereis, die vermehrt auftraten. Sie entstehen, wenn zunächst der Schnee auf dem Meereis und dann das Meereis selbst von oben schmelzen. Kann dann das Schmelzwasser nicht ablaufen, sammelt es sich auf dem Eis.
Nur 220 Kilometer vom Nordpol gibt es schon eisfreies Meer
Diese Tümpel seien, sagen die Wissenschaftler, „ein normales Phänomen auf arktischem Meereis, allerdings treten sie jetzt immer früher im Jahr und über einen längeren Zeitraum auf“. Marcel Nicolaus erklärt, was das bedeutet: „Weißes Eis verwandelt sich in dunklere Tümpel, die mehr Sonnenlicht absorbieren und das Schmelzen so verstärken.“
Nördlich der russischen Inselgruppen Franz-Josef-Land und Sewernaja Semlja wich in diesem Soimmer zudem die Grenze des kompakten Packeises – als solches werden Flächen mit mehr als 90 Prozent Eisbedeckung bezeichnet – bis hinter den 88. Breitengrad zurück. Das gab es seit Beginn der Satellitenmessungen noch nie! Zwischen 87 und 88 Grad nördlicher Breite, nur rund 220 Kilometer vom Nordpol entfernt, zeigen sich vermehrt große Flächen offenen Wassers. Zum Vergleich: In den 1990er Jahren lag diese sommerliche Packeisgrenze noch bei etwa 80 bis 82 Grad. „Diese Phänomene belegen, dass sich die arktische Eisdecke grundlegend gewandelt hat: Dort wo einst dickes mehrjähriges Packeis vorherrschte, findet sich nun vorwiegend saisonales Eis“, so Lars Kaleschke.
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