Schreckensszenarien auf Grönland widerlegt

NEEM/ Möller

 

Gute Nachrichten aus der Eem-Warmzeit: Grönlands Eisschild schrumpfte während der Warmzeit vor 130.000 bis 115.000 Jahren nur minimal. Bei Lufttemperaturen, die bis zu acht Grad Celsius höher waren als im 21. Jahrhundert, schrumpften die Eismassen im Vergleich zu heute weitaus weniger als vermutet.

Zu diesem überraschenden Fazit kommen Wissenschaftler aus 14 Nationen. Der grönländische Eisschild hatte demzufolge auch einen viel kleineren Anteil am damaligen Anstieg des Meeresspiegels als bisher angenommen. Sollte der aktuelle Temperaturanstieg in Grönland anhalten, gelten die Reaktionen des Eisschildes im Zuge der Eem-Warmzeit als ein mögliches Zukunftsszenario für die Eismassen der Insel.

Die Eem-Warmzeit, auch Eem-Interglazial genannt, war die letzte Warmzeit vor der heutigen Warmzeit, dem Holozän.

 

Grönlands Eisschild beständiger, als gedacht

 

Mit einem 2.540 Meter langen Eisbohrers konnten die Wissenschaftler in die Tiefen der Eem-Zeit vordringen. Das Auswerten der Daten war eine richtige Knobel-Arbeit, berichtet die am Projekt beteiligte Expertin für Eisdeformation und Mikrostrukturen Dr. Ilka Weikusat vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung: „Die Herausforderung war in diesem Eis ‚zu lesen’. Denn im Gegensatz zu dem darüber liegenden jüngeren Eiszeit-Eis, dessen einzelne Jahresschichten wie Tortenböden übereinanderliegen, hatten sich die einzelnen Schichten des Eem-Eises und die Schichten aus dem Übergang in die letzte Eiszeit wie eine zusammengeschobene Tischdecke mit aufliegender Serviette ineinander gefaltet“.

Um das Schichtchaos zu entwirren, haben die Wissenschaftler den grönländischen Eispanzer mit Radiowellen vermessen, die physikalischen Eigenschaften des Eiskerns untersucht, die Wasser- und Sauerstoff-Isotopenzahl bestimmt, überprüft, wie viel Methan die im Eis eingeschlossene Luft enthielt und diese Werte mit Eem-Daten aus der Antarktis und anderen Orten der Welt verglichen. So konnten sie die eigentlichen Fragen nach den Temperatur- und Eisbedingungen auf Grönland während der Eem-Warmzeit beantworten.

„Unsere Daten zeigen, dass es während der Eem-Warmzeit in Nordgrönland bis zu acht Grad Celsius wärmer war als heute“, sagt Projektleiterin Prof. Dorthe Dahl-Jensen von der Universität Kopenhagen. Die gute Nachricht der Studie ist, dass der grönländische Eispanzer auf den Temperaturanstieg in der Eem-Zeit nicht so empfindlich reagiert habe, wie bisher gedacht.

Auch die Vermutungen, dass Grönlands Eisschild in gewissen Perioden gar nicht mehr vorhanden war, widerlegten die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Eine schlechte Nachricht gibt es allerdings: „Wenn der grönländische Eisschild damals nicht vollständig verschwunden ist, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass die Eismassen der Antarktis hauptverantwortlich dafür waren, dass der Meeresspiegel während des Eems vier bis acht Meter höher war als heute“, so Dorthe Dahl-Jensen.

Die neu gewonnenen Eis- und Temperaturdaten für Grönland sollen jetzt in Klimamodelle einfließen und deren Vorhersagegenauigkeit verbessern. Prof. Heinrich Miller, Mitautor der Studie und Helmholtz-Professor für Glaziologie am Alfred-Wegener-Institut erzählt begeistert: „Diese neuen Erkenntnisse sind wirklich aufregend. Sie widerlegen nicht nur alle Schreckensszenarien, denen zufolge der grönländische Eispanzer im Zuge einer Warmzeit im Nu verschwindet. Sie bestätigen zudem Modellrechnungen, die schon vor über einem Jahrzehnt am Alfred-Wegener-Institut gemacht wurden“.

 

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