Die tote Bucht von Rio de Janeiro

Screenshot: jungewelt.de

Die Fischer der brasilianischen Metropole senden SOS. Klimaschutz-Projekt verseucht Mangroven und Bucht von Guanabara. Rio de Janeiros Fischer versuchen verzweifelt, ihre Existenz zu sichern. Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele (5. bis 21. August) machten sie mit öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen auf ihre Lage aufmerksam: "Das einzige, was ich noch nicht verloren habe, ist meine Würde“, beklagte der 62jährige Geraldão. Früher seien seine Netze voll von Fischen gewesen. Heute fände er sie hauptsächlich gefüllt mit PET-Flaschen und Plastiksäcken. "Oft bringe ich nur zwei Fische und kiloweise Plastikmüll nach Hause“, sagte er zu.

 

Geraldão hatte sich Anfang Juli mit Dutzenden seines Berufsstandes zu einer Regatta vor der Insel Ilha do Governador zusammengefunden, um so gegen die Verschmutzung der Meeresbucht und für die Erhaltung ihrer Erwerbsgrundlage zu kämpfen. "Kein Fisch und keine Garnelen“, fass­te Ronaldo Moreno vom "Forum der Fischer und der Freunde des Meeres“ die Situation in der riesigen Baía de Guanabara zusammen, an deren Ufer Rio liegt. Der Erdölkonzern Petrobras habe die Bucht und seine Inseln übernommen, sagte Moreno anlässlich der Regatta vor Journalisten: “Wenn wir unsere Netze nahe der Petrobras-Inseln auswerfen, dann wird auf uns geschossen.“ Die Regierung investiere Milliardensummen in die Olympischen Spiele, doch für die traditionellen Fischer gebe es keinen Centavo.

 

Bis heute hat die Mehrheit der von der Erdölkatastrophe am 18. Januar 2000 betroffenen Fischerfamilien keine Entschädigung vom halbstaatlichen Konzern erhalten. Damals war in der Bucht eine der Pipelines des Unternehmens, über die Rios Raffinerie in Duque de Caxias versorgt wird, geplatzt. Mehr als eine Million Liter Öl hatten sich in das Wasser ergossen. Sie verschlammten auch die Mangrovenwälder am Ufer. “Es ist ungerecht, dass einige Fischer wie ich selbst Entschädigung erhielten, doch die Mehrheit noch nichts bekam“, empörte sich Alex Sandro Santos von der Vereinigung der Freien Fischer von Tubiacanga. Mehr als 20.000 seiner Kollegen warteten noch darauf.

 

Neben der alltäglichen Verschmutzung der Bucht durch Erdölindustrie, Tanker, Ballastwasser der Frachtschiffe und die ungeklärten kommunalen Abwässer der Millionenmetropole Rio prangern die Fischer auch das Deponiegasunternehmen Gás Verde des Firmenkonsortiums Novo Gramacho Energia Ambiental an. Das betreibt in Duque de Caxias, einer Vorstadt von Rio mit knapp einer Million Einwohner, ein vermeintlich klimafreundliches Projekt. Bis heute flössen die giftigen, schwermetallhaltigen Sickerwässer von Lateinamerikas größtem Abfallberg „Gramacho“ ungeklärt in die anliegenden Mangrovenflüsse sowie in die Bucht.

 

Gás Verde verdiene am Verkauf des dort „erzeugten“ Biogases an Petrobras und sei im Gegenzug dazu verpflichtet, die Deponieabwässer zu behandeln und umweltfreundlich zu entsorgen, erläutert ein Mitglied der Fischergemeinde Duque de Caxias. „Statt das Abwasser zu klären, steckt das Unternehmen lediglich die Profite ein und vernichtet unsere Fischgründe.“ Dort, wo noch vor dreißig Jahren bei Ebbe herrliche weiße Sandstrände zum Vorschein kamen, sei heute nur noch knöcheltiefer giftiger Schlamm, ergänzte Geraldão. Das Abwasser des „Gramacho“ sei auch mit für den Verlust der Artenvielfalt in der Region verantwortlich, so der Präsident der Fischergemeinde von Duque de Caxias, Gilciney Lopes. “Einige Jahre zuvor hatten wir zwölf Speisefischarten hier in unseren Fanggründen. Heute sind es nur noch zwei.“

 

Screenshot: jungewelt.de

Das Unternehmen fängt das methanhaltige, durch Zersetzungsprozesse in der Mülldeponie entstehende Gas ein, bereitet es auf Erdgasqualität auf und verkauft es an die örtliche Raffinerie Petrobras Reduc. So werden die Methanemissionen des Müllhaufens und damit die Brasiliens reduziert. Das 2009 eingeweihte Novo Gramacho war deshalb nicht nur ein Vorzeigeprojekt der brasilianischen Regierung während des UN-Umweltgipfels „Rio plus 20“ im Jahre 2012, sondern bekam auch Unterstützung aus dem CO2-Programm der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Es ist eines der größten CDM-Projekte Lateinamerikas und gilt bislang als erfolgreich. CDM steht für Clean Development Mechanism und ist eine der drei vom Kyoto-Protokoll vorgesehenen Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen.

 

Doch nicht nur die Verschmutzung macht den letzten traditionellen Fischern der Bucht von Rio de Janeiro zu schaffen. Die zunehmenden Installationen der Erdöl- und Gasindustrie lassen für das Gewerbe immer weniger Spielraum. Gleichzeitig durchschneiden die immer zahlreicher werdenden Tanker und Petrobras-Versorgungsschiffe rücksichtslos ihre Stellnetze. “Wir wollen eine lebendige Guanabara-Bucht. Eine Bucht für die Fischerei und zur Erholung der Menschen“, fasste es Sergio Ricardo de Lima, Gründer der Bewegung Baía Viva und Mitorganisator der Fischerbootregatta, zusammen.

 

Dieser Beitrag in "Junge Welt" erstveröffentlicht.

 

Autor: Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

 

Most Wantes

Sarah Baker Foto: LLL/flickr CC

Hoffnung für den Klimaschutz

Wissenschaftler am Lawrence Livermore Forschungslabor haben nicht nur den Schlüssel gefunden, mit...


Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Pexels

Kehrseite des Sportevents: Tonnenweise Essensmüll

Superbowl: In der Nacht des Football-Endspiels der besten Teams verzehren die Zuschauer – im...


Foto: Pixabay CC/PublicDomain/Arek Socha

Neuer Ansatz für Ökoenergie: Strom aus Wassertropfen

Neue, Idee für die Energiewende: Wissenschaftler der City University Hongkong entwickelten einen...


Neu im global° blog

Foto: Pressenza (CC BY 4.0)

Atomwaffen verstoßen gegen das Recht auf Leben

Die Organisationen IALANA, IPPNW und ICAN weisen anlässlich des Tages der Menschenrechte auf den...


Foto: ZDF / Martin Kaeswurm

"Schattenmacht Blackrock"

Der amerikanische Finanzinvestor Blackrock verwaltet im Auftrag seiner Kunden über sechs Billionen...


Screenshot: gunther-moll.de

Die Botschaft

Eine lebenswerte Zukunft im Einklang mit der Natur ist auf diesem Planeten möglich, wenn wir uns...


Folgen Sie uns: