Franziskus und die Vielfalt

Weichkoralle am Apo Reef Foto: Dr. Dwayne Meadows, NOAA Photo Library

Es ist das Jahr des Silbergrünen Bläulings, in dem der Papst seine Enzyklika über die Sorge für das gemeinsame Haus veröffentlicht; das Jahr des Habichts und der Gelbfrüchtigen Schwefelflechte. Es ist auch das Jahr, das die Mitte der UN-Dekade zur biologischen Vielfalt markiert. Oft zur „Biodiversität“ verkürzt, bezeichnet der sperrige Begriff die Mannigfaltigkeit der Lebewesen, Lebensgemeinschaften und Lebensräume der Erde mitsamt der genetischen Variabilität darin. Die Schöpfung eben. Rund 1,4 Millionen Arten sind wissenschaftlich erfasst, mehr als elf Millionen dürften uns noch unbekannt sein. Was ist angesichts dieser Fülle schon ein Schmetterling mehr oder weniger? Den Bewohnern der mikronesischen Insel Guam ist die Komplexität der ökologischen Netzwerke jüngst klargeworden: Eine eingeschleppte Schlangenart hat fast alle Vögel der Insel ausgerottet. In der Folge haben sich Spinnen rasant vermehrt, die wiederum Insekten vertilgen. Nun werden viele Pflanzen nicht mehr bestäubt und tragen keine Früchte – ein blinder Passagier reduziert die Nahrungsmittelproduktion.

 

Stabilität und Produktivität eines Lebensraums sind Gemeinschaftsleistungen aller Organismen darin. Welchen Einfluss eine einzelne Art auf das Gleichgewicht hat, ist noch immer praktisch nicht vorhersagbar. Mit dem Millenium Ecosystem Assessment liegt seit 2005 erstmals eine umfassende globale Studie darüber vor, von welchen Ökosystemdienstleistungen der Mensch wie sehr abhängig ist. Doch auch zehn Jahre später haben sauberes Wasser und saubere Luft keinen monetären Gegenwert, wird die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Fasern und anderen Rohstoffen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt, nicht aber nach dem Wert der Dienstleistung an sich. Und was nichts kostet, kann nicht wichtig sein.

 

Foto: Wikimedia CC 2.0/Casa Rosada

Die Unversehrtheit der Natur und die Botschaft des Papstes

 

Wirtschafts- und Sozialleistungen sind untrennbar mit der Unversehrtheit der Natur verbunden, so lautet die Botschaft des Papstes – aus Sicht der Umweltlobby eigentlich ein alter Hut. Neu ist aber, dass der Pontifex eine Zielgruppe erreicht, die für grüne Thesen traditionell wenig empfänglich, dafür aber häufig in Entscheidungsprozesse involviert ist. Aktuell gewinnt die systemorientierte Denkweise ohnehin endlich (!) an politischer Bedeutung, da könnte das päpstliche Manifest für das passende Moment sorgen. In diesem Jahr hat das Bundesamt für Naturschutz gemeinsam mit dem Ecologic Institut eine Studie veröffentlicht, die ökosystembasierte Ansätze im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen über technische Ansätze stellt. Kostengünstig und effektiv in Bezug auf Klima, Katastrophenvorsorge, Erhaltung der biologischen Vielfalt und nachhaltiges Ressourcenmanagement, würden stabile und intakte Lebensräume und Artengemeinschaften sich auch dann günstig auf uns Menschen auswirken, wenn die Klimaveränderungen weniger gravierend ausfallen sollten, als erwartet. Auf der internationalen Bühne übertönen die Diskussionen zum 2°C-Ziel zwar noch jedes Gespräch über Schlangen und Schmetterlinge, doch Biodiversitätsabkommen und Klimakonvention sollen künftig ebenfalls näher zusammenrücken und in der Praxis ineinandergreifen.

 

In den vergangenen Jahrzehnten haben vor allem die westlichen Industriestaaten den weltweiten Vorrat natürlicher Ressourcen in Anspruch genommen. Insbesondere die ärmeren, tropischen Länder, in denen der Löwenanteil der biologischen Vielfalt beheimatet ist, konnten hingegen weder von ihren Schätzen, noch von deren Nutzung durch Dritte profitieren. Das Nagoya-Protokoll, ein 2014 in Kraft getretener Teilaspekt des Biodiversitätsabkommens, soll hier gegensteuern und Zugang zu bzw. Nutzen aus genetischen Ressourcen fair verteilen. Auch das ist selbstverständlich ganz im Sinne des Heiligen Vaters.

 

Nepenthes burkei auf Mindoro Foto: Alastair Robinson/Wikipedia (CC BY 3.0)

Wie kann die Vielfalt für die Nachwelt erhalten werden?

 

Doch wie kann man Vielfalt schützen? Das ist lokale und regionale Kleinstarbeit, die zunächst bei der Erkundung des Vorhandenen ansetzt. Konventionelle Artbeschreibung und genetische Datenbanken sind nicht mehr schnell genug, um Lebensformen kennen zu lernen, bevor sie verschwinden. Darum werden heute mittels akustischer Verfahren und Satellitendaten ganze Lebensgemeinschaften auf einen Schlag ausgewertet und die Informationen in weltumspannenden Datenbanken deponiert. Um deren Auswertung und die Übertragung der Informationen in die politische Arbeit möglichst effizient zu gestalten, wurde ein weiteres internationales Gremium ins Leben gerufen, der Weltbiodiversitätsrat.

 

Mithilfe all dieser weltpolitischen Regularien und Instrumente soll es gelingen, die Schäden an der Lebensumwelt zukünftiger Generationen durch vergangenen und aktuellen Landnutzungswandel, Freisetzung von Treibhausgasen, Überdüngung und Schadstoffbelastung sowie Übernutzung von Ressourcen und Auslösung von Arteninvasionen einzudämmen. Das klingt nach Polemik und ist politisch gesehen doch der richtige Weg. Von Franziskus aber kommt der Appell an jeden einzelnen, vor der eigenen Türe zu kehren und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten und nach bestem Wissen und Gewissen für die Zukunft des gemeinsamen Hauses einzusetzen. Laudato si!

 

Autorin: Stefanie Geiselhardt

 

Die „Laudato si!“ des Papstes kann hier in deutscher Sprache heruntergeladen werden...

 


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