Heute gibt es k(l)einen Fisch

Foto: wikimedia commons

Kleine Häppchen statt großer Brocken: Fischerei diktiert Speisekarte der Hochseevögel. Knochenanalysen von Sturmtauchern belegen, dass sie vor etwa hundert Jahren ihre Nahrung komplett von großen auf kleine Fische umstellten. Gezwungenermaßen reagierten die Seevögel so auf den industriellen Fischfang, der seitdem in ihren Jagdgründen wildert.

 

Die gebleichten Knochen von Seevögeln berichten über die weitreichenden Folgen der industriellen Fischerei in unseren Ozeanen. Anhand von Isotopenverhältnissen in 250 Knochen des Hawaiisturmvogels (Pterodroma sandwichensis) konstruierten US-Forscher die Ernährungsgewohnheiten der Art in den letzten 3.000 Jahren.

 

Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Speisekarte der Vögel radikal veränderte, als moderne Boote die großen Fische aus dem Wasser holten und so die Nahrungsnetze der Meere veränderten.

 

Speisekarte auf hoher See

 

„Hawaiisturmvögel verbringen den größten Teil ihres Lebens mit der Suche nach Futter auf dem offenen Meer. Während der Futtersuche taten sie, wovon Wissenschaftler nur träumen können. Für tausende von Jahren fingen sie eine Vielzahl an Fischen, Tintenfischen und Krebsen in großen Teilen des Nordpazifiks. Spuren ihrer Nahrung sind in den Knochen erhalten,“ erklärt Anne Wiley, Hauptautorin des neuen Artikels in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).

 

In Höhlenkolonien sammelten die Forscher eine Vielzahl von Vogelknochen unterschiedlichen Alters. Wiley und ihre Kollegen verglichen das Isotopenverhältnis von Sticktoff-15 zu Stickstoff-14, welches ihnen Aufschluss über das Vogelfutter gab. Je größer das N15/N14-Verhältnis, desto größer die Beute.

 

Über Jahrtausende hinweg ernährten sich die Hawaiisturmvögel vor allem von größeren Beutetieren, bis das Isotopenverhältnis vor etwa hundert Jahren in kurzer Zeit extrem kleiner wurde. Die Autoren der Studie vermuten dahinter eine relativ schnelle Veränderung in der Zusammensetzung von marinen Nahrungsketten und -netzen.

 

Weitreichende Konsequenzen der Überfischung

 

Co-Autorin Peggy Ostrom von der Michigan State University nennt die Ergebnisse alarmierend und fügt hinzu, dass diese Studie den ersten Beweis dafür liefert, dass der industrielle Fischfang auch Hochseearten und ihre Nahrungsnetze betrifft, die nicht primär gejagt werden. „Zu verstehen, welchen Einfluss die Fischerei auf die Nahrungsnetze im offenen Ozean hat, war bislang eines der großen Geheimnisse der biologischen Meereskunde.“

 

Die Wissenschaftler vermuten, dass sich diese aufgezwungene Ernährungsumstellung auch nachhaltig auf die Vogelpopulationen auswirkte und zu Bestandsrückgängen führte. Momentan stuft die Weltnaturschutzunion IUCN den Hawaiisturmvogel als gefährdet auf ihrer Roten Liste ein und steht in den USA unter besonderem Schutz.

 

„Artenschutzmaßnahmen für die meisten Seevögel konzentrieren sich auf die Brutgebiete, wo Lebensraumverlust und Jagd durch eingeführte Arten verheerend sein können. Allerdings können auch rapide Veränderungen oder das Verschwinden der Nahrungsgrundlage eine versteckte Gefahr für die Hawaiisturmvögel und andere marine Arten sein,“ geben die Autoren zu bedenken. JET

 

 

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