
High-tech Schutz für Wale: Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung testeten erfolgreich eine Wärmebildkamera. Sie entdeckt die Meeressäuger weit zuverlässiger als jedes menschliche Auge auf deren Routen durch die Ozeane – auf fünf Kilometer und sogar in stockdunkler Nacht. Das ist eine gute Voraussetzung, um die Tiere vor Lärm an Bohrinseln oder beim Windparkbau zu schützen.
Vorteil für den Artenschutz: Mit dem Spähgerät der Firma Rheinmetall entdeckten die Meeresforscher des Helmholtz-Instituts auf ihren Testfahrten in den zurückliegenden vier Jahren, dass sie damit etwa Blau-, Finn-, Glatt- oder Grauwale im weiten Ozean entdecken – zuverlässiger als alle bislang praktizierten Meeresbeobachtungen. Das ist wichtig.
Artenschützer nämlich pochen darauf, dass die Tiere vor zunehmendem Lärm unter Wasser geschützt werden, wenn Rammarbeiten beim Bau von Windparks oder der Einsatz von Luftpulsern bei der Suche nach Öl und Gas die Stille Welt des Ozeans immer häufiger in arge Lärmquellen wandeln. Zwar haben die Betreiber solch lauter Arbeitern Auflagen zu erfüllen. Sie müssen sicherstellen, dass sie ihre Arbeit unterbrechen, wenn sich etwa Wale nähern – aber die konnten Beobachter mit dem Fernglas bis dato oft leider erst viel zu spät entdecken.
Kamera findet Wal im Meer wie Nadel im Heuhaufen
„Wer einmal für längere Zeit auf das Meer geschaut hat, der weiß, wie schnell die Augen müde werden und die Konzentration nachlässt“, erklärt der AWI-Physiker Daniel Zitterbart. Hinzukomme: „Wir können nicht gleichzeitig in alle Richtungen schauen und bei Dunkelheit sehen wir so gut wie nichts. Deshalb war es bisher vor allem nachts schwierig, Wale in Schiffs- oder Plattformnähe zu entdecken.“
Mit seiner Arbeitsgruppe Ozeanische Akustik feilte Zitterbart daher an einer Wärmebildkamera von Rheinmetall Defence Electronics und verbesserte sie so, dass sie nun das menschliche Auge bei der Walbeobachtung entlasten kann. Sie liefert fünf Mal pro Sekunde einen 360-Grad-Videostream der Schiffsumgebung und erfasst dabei kleinste Temperaturunterschiede von weniger als einem Hundertstel Grad Celsius. Der Videostream erspäht so etwa auch den so genannten Blas eines Wals, wenn das Tier zum Atmen an die Wasseroberfläche kommt.
Die Wissenschaftler entwicklten eine Software zur Auswertung der Kameradaten. „Walblas wird auf den Wärmebildaufnahmen mit einem ganz spezifischen Muster hell und wieder dunkler. Unsere Software teilt nun jedes der aufgezeichneten Bilder in 31.600 Kästchen ein und untersucht diese Kästchen einzeln nach Helligkeitsunterschieden. Anschließend entscheidet der Rechner, ob die Dynamik eines wahrgenommenen Helligkeitsunterschiedes den Merkmalen eines Walblases entspricht oder nicht. So entdecken wir auch jene Tiere, die nur für einen ganz kurzen Atemzug aufgetaucht sind“, sagt der Physiker.

Wärmebilder verbessern Lärmschutz für Wale im Wasser
Ihr Beobachtungssystem konnte bei den Testfahrten in die Arktis- und Antarktis etwa doppelt so viele Wale in Schiffsnähe orten wie Wissenschaftler, die mit dem Fernglas nach den Tieren Ausschau gehalten hatten. Das berichten die Forscher jetzt im Fachmagazin PLOS ONE „Die entscheidende Stärke unseres Systems liegt darin, dass wir mit ihm rund um die Uhr und vor allem bei Dunkelheit mit hoher Genauigkeit Wale lokalisieren“, erklärt Mitautor Olaf Boebel: „Wann immer ein Tier vom System detektiert wird, werden entsprechende Sicherheitsmaßnahmen veranlasst.“
Zitterbart will sein System weiter verbessern. „Wir haben jetzt eine zweite, normale Kamera an das Infrarot-System gekoppelt“, erklärt er, „sie fotografiert vom Krähennest der Polarstern aus automatisch jeden vom System gemeldeten Wal.“ Damit bestimmen die Forscher Größe und Verteilung der Großwal-Populationen. Zugleich speichert das System auch die Standort- und Entfernungsdaten. Die AWI-Wissenschaftler erstellen damit Bewegungsprofile der Tiere und untersuchen ihr Verhalten bei Begegnungen mit Schiffen.
pit
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