Per Anhalter um die Welt

Riesenbärenklau, in Deutschland invasive Art, die Verbrennungen verursachen kann Foto: Appaloosa (CC Wikimedia)

Von natürlicher Einwanderung und unnatürlichem Einreisen Das die Natur sich bewegt, ist ganz natürlich. Wenn Tier- und Pflanzenarten auf natürliche Weise neue Habitate finden, führt das in der Regel im neuen Einzugsgebiet nicht zu Nachteilen.

Doch die bequeme Reise von Tier- und Pflanzenarten als blinde Passagiere rund um den Globus kann zu erheblichen negativen Beeinträchtigungen der heimischen Natur führen.

 

Von heimisch über gebietsfremd bis invasiv

 

Das Zuwanderung per se verhindert werden muss und Ökosysteme im ursprünglichen Zustand erhalten werden sollten, ist ein Irrglaube, von dem sich die Wissenschaftler verabschiedet haben. Denn bei einem Ökosystem handelt es sich um einen dynamischen Komplex von Gemeinschaften aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen sowie deren nicht lebender Umwelt, die als funktionelle Einheit in Wechselwirkung stehen. Auch das Zu- und Abwandern von Arten in einem bestimmten Rahmen trägt zur Dynamik und Gesundheit dieses Komplexes bei.

„Arten, die durch natürliche Einwanderung ein neues Gebiet erreichen, gehören nicht zu den invasiven Arten“, erklärt Jonathan Jeschke, Professor am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der Freien Universität Berlin. Er untersucht, wie sich Ökosysteme durch den Einfluss des Menschen ändern. „Ökologie im Anthropozän, im Zeitalter des Menschen also“, sagt er. „Und Invasionsbiologie ist ein wichtiger Aspekt davon.“

Im Unterschied zu natürlich eingewanderten Arten sind sogenannte

gebietsfremde Arten solche, die mit Hilfe des Menschen in neue Regionen einreisen, die sie ohne Zutun des Menschen nie erreicht hätten. Verursachen solche gebietsfremden Arten zudem noch negative Auswirkungen auf ihr neues Einzugsgebiet handelt es bei ihnen um invasive Arten.

Die Begrifflichkeit der Invasionsbiologie bildete sich erstmals im zweiten Weltkrieg. Der britische Ökologe Charles Sutherland Elton bekämpfte damals eingeschleppte Ratten und andere Nager, um die Nahrungsmittelvorräte der Insel zu schützen. Von dem allzu starren Ansatz des damals neu entstandenen Zweiges der Biologie haben sich die Wissenschaftler heute distanziert.

 

Bewusstes und unbewusstes Einreisen

 

Dennoch widmen sich gerade heutzutage viele Forscher diesem Zweig der Biologie mit einem besonderen und teilweise besorgniserregenden Augenmerk.

Denn zum einen gibt es die vom Menschen gemachte, bewusste Invasion. Einmal heimisch geworden ist es schwierig, langwierig und kostenaufwendig diese Arten wieder loszuwerden. Handelt es sich dabei auch noch um Tiere, dann müssen diese mit ihrem Leben dafür bezahlen. Ein in Deutschland bekanntes Beispiel ist der aus Nordamerika eingeführte Waschbär, welcher hierzulande bereits zur Plage geworden ist.

 

Tigermücke Foto: snowyowls (CC Wikimedia)

Dem gegenüber stehen all die sogenannten blinden Passagiere, welche z. B. im Auto von Touristen über die A 5 aus Italien kommen. „In Italien steigen oft Mücken mit in die Autos der Urlauber“, sagt Doreen Walther, die am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) die Verbreitung blutsaugender Mücken erforscht. Die Asiatische Tigermücke Ades albopictus ist ein typisches Beispiel für eine solche eingeschleppte, gebietsfremde und invasive Art.

Nicht nur das invasive Arten direkte Schäden am Menschen, Flora und Fauna verursachen können, die dadurch entstehenden Kosten übernehmen oft nicht die Verantwortlichen sondern hierzulande die Geschädigten.

Verlässt ein Schiff mit Granit einen Hafen in China, werden diese durch Holzlatten befestigt. In diesen Holzlatten verstecken sich gerne „blinde Passagiere“ z. B. in Gestalt des asiatischen Laubholzbockkäfers (Anoplophora glabripennis) bzw. deren Larven, denn dieses Holz dient ihm als Kinderstube. Der Käfer gilt jedoch hierzulande als meldepflichtiger Schadorganismus. Deshalb muss, laut Auflagen, die Ladung vor Reiseantritt begast werden. Wird die Auflage missachtet, ist das Risiko enorm, dass der Käfer sich ungehindert ausbreitet. Auch deshalb, da er hierzulande keine natürlichen Feinde hat. Befallene Bäume sterben ab, als Bekämpfungsmaßnahme werden die Laubbäume im Umkreis gefällt.

 

Vorsorge ist der beste Schutz

 

Beim Bundesamt für Naturschutz gilt daher die Regel, Gebietsfremde Arten in Deutschland: Vorsorge ist der beste Schutz. In diesem Sinne werden die Listen gebietsfremder, dauerhaft angesiedelter und vor allem invasiver Arten immer auf dem neuesten Stand gehalten und veröffentlicht.

Zudem existieren erstmals exakte Daten über die Einwanderung von Pflanzen und ihre Ausbreitung außerhalb ihrer heimischen Territorien. Vier Jahre forschten die Biologen in regionale Listen eingebürgerter Pflanzen aus allen Teilen der Welt und führten sie zu einer globalen Datenbank ( GloNAF; Global Naturalized Alien Flora ) zusammen.

Das in unserer schnelllebigen Zeit die Natur zu schnell und unnatürlich bewegt wird, bleibt jedoch nicht aus. So bleibt den Biologen am Ende nur die Wahl, Wegesforscher zu werden. Auch hier kann jeder seinen kleinen Beitrag leisten. Zum einen kann ein Reisender vermehrt darauf achten, wer oder was mit ihm die Reise antritt. Zum anderen ist es möglich, mit Hilfe des seit 2011 veröffentlichen Mückenatlas auch mal Invasionsbiologe zu sein. Jeder Bürger kann gefangene Mücken einsenden und von den Forschern bestimmen lassen. „Wir erhalten so Daten über die Verbreitung heimischer Mücken, die wir allein niemals erheben könnten. Und wir erfahren schneller, wenn sich Exoten irgendwo aufhalten“, sagt Doreen Walther. CDC

 

 

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