„Faire Maus“ für eine saubere Computer-Branche

Screenshot: Die Macher/Nager IT

Es gibt fairen Tee, fairen Kaffee, fairen Kakao, faire Kleidung, faire Fußbälle, sogar faire Grabsteine und faire Eheringe. Wie ist das mit fair erzeugten Teilen oder Zubehör für den Computer? Der Problematik widmet sich der Verein Nager IT: Er versucht eine „Faire Maus“ zu produzieren.

„Nicht eben einfach“, weiß Pressesprecher Christoph Scheuermann. Er erzählt im global°-Interview von der Idee und den Problemen im IT-Business ethische Regeln einzuführen.

 

Kennen Sie Zahlen, wie viele Computermäuse es auf der Erde gibt?

Christoph Scheuermann: Hierzu liegt uns keine Zahl vor.

 

Wie viele Komponenten sind in einer PC-Maus enthalten, wie viele sind problematisch?

Eine Computermaus umfasst etwa 20 Bauteile. Da von der Rohstoffgewinnung bis zur Montage alle Fertigungsprozesse in Entwicklungs- und Schwellenländer ausgelagert sind, ist jede der Komponenten unter sozialen Gesichtspunkten potenziell problematisch.

 

Wie lange haben Sie die Lage recherchiert?

Drei Jahre Recherche gingen der konkreten Entwicklung voraus.

 

Wie lange haben Sie an der Alternative getüftelt?

Der ersten verkauften Fairen Maus im Dezember 2012 gingen dreieinhalb Jahre Entwicklungsarbeit voraus.

 

In China ist faire Produktion noch immer nur schwer möglich

 

Welche Probleme packten Sie zuerst an, welche noch nicht?

Unter dem steten Leitsatz einer transparenten Lieferkette galt die Aufmerksamkeit zunächst den Montageprozessen. Neben der Endmontage konnten wir immer mehr Einzelteile aus fairer Produktion beziehen. Das größte Problem sind nach wie vor einzelne Bauteile, die wir nur aus Ostasien beziehen können. Noch immer ist es praktisch unmöglich, Computerelektronik in China unter sozial fairen Gesichtspunkten zu produzieren.

 

Wann wird es die „wirklich faire“ Maus geben? Gibt es auch (noch) unlösbare Aufgaben?

Das Stichwort heißt Fertigungstiefe: Je weiter wir uns dem Ausgangszustand der Komponenten nähern, desto schwieriger wird es, eine faire Produktion zu garantieren. Mit der Montage von Maus und bedeutender Komponenten ist schon viel gewonnen.

Im Bereich der Mineralien-Herkunft setzen wir auf neue Wege, wie mit der Initiative Fairlötet, die sich für recyceltes Zinn stark macht. Dennoch bleiben zahlreiche Mineralien und Kleinteile, wo wir mangels Marktmacht nicht weiterkommen. Die 100-Prozent faire Maus wird erst kommen, wenn die Großen der Branche auf den Nachhaltigkeitszug aufspringen.

 

Christoph Scheuermann Foto: Nager IT

Haben Sie (und welche) Partner in der Computer-Branche, die die Maus einbauen, vertreiben?

Nager-IT verbreitet die „Faire Maus“ im Direktvertrieb, verkauft wird sie außerdem von Läden des Eine-Welt-Netzwerks.

Einen großen Markt sehen wir im Bereich der Öffentlichen Beschaffung, wo soziale Nachhaltigkeitskriterien bei der Bieter-Wahl mehr und mehr Gewicht bekommen. Die IT-Branche misst sozialen Aspekten in der Produktion leider immer noch nur sehr geringe Bedeutung bei. Erste Initiativen entstehen, wie führen Gespräche, konkrete Schritte der Kooperation sind bislang aber ausgeblieben.

 

Wie hilft das Projekt in den Herstellerländern den Arbeitern vor Ort ab?

Von unseren Aufträgen profitieren Werkstätten, die ihre Mitarbeiter im regionalen Rahmen fair bezahlen, auf Sicherheit am Arbeitsplatz achten und gewerkschaftliche Organisation zulassen. Bei Fabrikbesuchen in der Komponenten-Fertigung treten wir nicht nur mit dem Management, sondern auch den Arbeitern in Kontakt. Beiden Seiten signalisieren wir, dass eine Nachfrage an sozial nachhaltig produzierter Computerelektronik besteht. In Zusammenarbeit mit regionalen Initiativen (etwa in China) arbeiten wir daran die Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten weiter zu verbessern.

Die „Faire Maus“ zeigt, dass sozial nachhaltige IT möglich ist. Der Markt beginnt sich – wenn auch zaghaft –, neuen Wegen zu öffnen. Wichtiges Ziel ist für, dass sich die Arbeitsbedingungen in Minen und Fabriken grundlegend ändern. Dies umzusetzen, gelingt freilich erst, wenn sich auch die »Großen« der Branche zu einer fairen Produktion bekennen.

 

5.000 „faire Mäuse“ verkauft – weitere Ideen inm Sinn

 

Wie viele Mäuse haben Sie bislang verkauft?

Mittlerweile rollen knapp 5.000 Exemplare der „Fairen Maus“ über Europas Schreibtische.

 

Haben Sie weitere Pläne für "faire Produkte"?

Ideen werden gewälzt und gewogen, keine Frage. Unser größtes Ziel ist es, die Maus zu 100 Prozent fair zu bekommen und diese in den Köpfen und am Markt zu etablieren. Mit diesem Vorhaben sind wir komplett ausgelastet.

Nichtsdestotrotz beteiligen wir uns an Diskussionen und Ideenrunden. So stieß Nager-IT die Initiative für recyceltes Zinn Fairlötet an. Auch ein fair produziertes Fahrradlicht steht auf der To-Do-Liste. Gerne stehen wir tatkräftigen Initiativen mit unserer Erfahrung zur Seite.


pit

 

 

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