
Mehr als 40 Jahre ist es her, dass das Buch Die Grenzen des Wachstums erschienen ist – das Manifest schlechthin für konservative ebenso wie linke Wachstumskritiker. Zahlreiche Beiträge zu diesem Thema sind seitdem erschienen, zahlreiche Reden wurden gehalten. Längst sehen wir und haben wir verstanden, dass unser bisheriges Konzept „Herstellen, Nutzen, Wegwerfen“ unseren Planeten an seine äußerten Grenzen führt.
Dennoch verschwenden wir Ressourcen nach wie vor als gäbe es kein morgen. Weltweit werden pro Jahr rund 60 Milliarden Tonnen nicht-erneuerbare Rohstoffe verbraucht - 50 Prozent mehr als vor 30 Jahren. Wem diese Zahlen zu abstrakt sind, muss wohl nur einen Blick auf das eigene Verhalten werfen: Das Umweltbundesamt hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass Elektrogeräte immer kürzer genutzt werden. Dies verwundert auch nicht: Mit dem neuen Handyvertrag gibt es heute gleich das neue Handy dazu. Laut anderen Studien liegen etwa 100 Millionen Handys ungebraucht in Schubladen. Das ist doch Wahnsinn!
Lösung: Wirtschaft vom Ressourcenverbrauch entkoppeln
Ein Blick in den Kleiderschrank zeigt ein ähnliches Bild: Häufig quillt er über, viele unserer Hemden, Hosen, Röcke und T-Shirts tragen wir selten bis nie. Gleichzeitig kauft jeder Deutsche im Schnitt rund 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr, wie der Rat für Nachhaltige Entwicklung 2015 festgestellt hat. Wie oft benutzen wir das Auto, das vor unserer Haustür steht? Im Durchschnitt vielleicht zweimal am Tag – zur Arbeit hin und wieder zurück – und dennoch besitzen mehr als 70 Prozent der deutschen Haushalte mindestens einen eigenen Wagen.
Appelle helfen wenig; Verbote schon gar nicht. Die einzige Lösung besteht darin, unsere Wirtschaft zunehmend vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln, ohne dass wir das erdrückende Gefühl haben, dauernd auf etwas verzichten zu müssen. Sharing-Konzepte machen es uns heute schon vor, wie das gehen könnte: Hier steht das Nutzen im Vordergrund, nicht das Besitzen. Wollen wir unseren Weg der Verschwendung aber ein für allemal beenden, gilt es, eine richtige Circular Economy zu entwickeln. In dieser soll es den Begriff „Abfall“ gar nicht mehr geben. Wie lässt sich also Materialienverbrauch reduzieren? Wo lassen sich endliche Rohstoffe zunehmend durch nachwachsende ersetzen? Wie lässt sich die Nutzungsdauer von Dingen erhöhen? Wo überall können wir Materialien wiederverwerten?
Verbote helfen nicht - "grüner" Lebensstil muss attraktiv sein
Genau mit diesen Fragen beschäftigen sich die Start-ups, die ich im Rahmen meiner Arbeit bei Green Alley kennenlerne und betreue. Sie haben erkannt, dass nicht Verbote zu Verhaltensänderung führen, sondern sie sich nur erreichen lässt, wenn Alternativen einen grünen Lebensstil attraktiv machen.
Da ist zum Beispiel Tom Robinson aus UK: Der ehemalige Architekturstudent konnte nicht glauben, wie umweltschädlich Gipsplatten sind und sie dennoch weiterhin und bedenkenlos eingesetzt werden. Zur Trennung von Räumen sind sie bislang unerlässlich, doch beim Bau der Wände fallen Tonnen von Verschnitt an – allein in Deutschland etwa eine halbe Million. Zudem ist die Entsorgung kritisch: der Baustoff enthält Gifte wie Sulfate und daher gehören die Plattenreste in den Sondermüll. Der heute 29-jährige Robinson hat deshalb das Start-up Adpatavate gegründet und das „Breathaboard" entwickelt, eine 100 Prozent recycelbare Wandverkleidung, die zu größten Teilen aus Abfällen der Landwirtschaft hergestellt ist. Mit seiner gesunden Alternative zu Gipsplatten will Tom die Baubranche revolutionieren.
Das finnische Start-up RePack nimmt sich das Problem des steigenden Verpackungsabfalls im Versandhandel vor. Pro Kopf und Jahr fallen im Durchschnitt mehr als 200 Kilogramm an, Tendenz steigend. Jonne Hellgren und das Team von RePack haben deshalb eine Versandtasche entwickelt, die bis zu 20 Mal wiederverwendet werden kann. Der Käufer zahlt beim Online-Shopping eine Art Pfand für die wiederverwendbare Versandtasche RePack. Sobald er seine Ware erhalten hat, wirft er RePack in den nächsten Briefkasten ein und erhält einen Gutschein für den nächsten Einkauf. Das finnische Start-up konnte bereits die ersten Modelabels für sich gewinnen – und ihre Ware wird bereits in der wiederverwendbaren Tasche verschickt.
Erfülltes leben innerhalb der "Grenzen des Wachstums"
Adaptavate, RePack und viele andere Start-ups ermöglichen uns mit ihren Ideen, eine Circular Economy praktisch umzusetzen und damit den Versuch zu starten, innerhalb der Grenzen unseres Wachstums erfüllt zu leben. Doch die Gründer können den Wandel nicht allein herbeiführen. Sie brauchen Hilfe.
Dass vor allem etablierte Unternehmen sehr zögerlich handeln, Innovationen anzunehmen, habe ich von meinen Start-ups oft hören müssen. Die Idee von RePack etwa – der wiederverwertbaren Versandtasche – erfährt viel positives Feedback. Doch scheuen die potentiellen Kunden, große Versandhäuser oder Modefirmen, die Umstellung und die Veränderung. Häufig frage ich mich deshalb, welchen Stellenwert das Thema Nachhaltigkeit bei Unternehmen in der breiten Masse hat. Offiziell wird nach Lösungen gesucht – so etwa der Schritt, Plastiktüten aus dem Verkehr zu nehmen, was wichtig ist. Aber nachhaltige Lösungen zu finden, das kann teilweise Jahre dauern – und wenn es sie gibt, sind sie häufig mit hohen Investitionen verbunden. Solange die Bereitschaft, etwas zu verändern und Verantwortung zu übernehmen, gering ist, bleibt unser doch eigentlich gewollter Abschied von einer linearen Wirtschaftsweise ein reines Lippenbekenntnis.
Prinzip des linearen wirtschaftens am Ende
Auf der Suche nach Lösungen gänzlich auf die Politik zu setzen, ist zu kurz gedacht. Sie kann zwar verbindliche Umweltstandards festlegen und Firmen mehr und mehr in die Verantwortung nehmen, wenn diese durch ihr Wirken der Umwelt schaden. Doch viel mehr müssen die Unternehmen selbst erkennen, dass das Prinzip des linearen Wirtschaftens an ein Ende gekommen. Mehr noch: Es macht keinen Sinn mehr. Es ist überholt, weil es unsere Umwelt zerstört. Dabei liegen die wirtschaftlichen Chancen einer Circular Economy doch so klar auf der Hand: Wer Ressourcen spart, hat Vorteile. Aber natürlich werden die Unternehmen in einem ersten Schritt auch investieren müssen. Es braucht andere Produktionsprozesse, eine andere Kundenansprache, mehr Transparenz. Etablierte Unternehmen müssen nachdenken, sich bewegen, innovativ sein. Und mit den neuen Geschäftsmodellen, die zunehmend die Welt kommen, zusammenarbeiten.
Bevor wir uns nun entspannt zurücklehnen, muss noch gesagt sein: Den größten Einfluss haben wir, die Konsumenten. Wir alle müssen noch viel stärker einfordern, dass es mit der Ressourcenverschwendung vorbei ist und die Circular Economy endlich konsequent umgesetzt wird. Wir müssen es fordern von der Politik, der Industrie und von uns selbst. Und wir müssen neuen Geschäftsmodellen – auch wenn sie anfangs sehr radikal erscheinen - eine Chance geben.
Miriam Kehl
Associate Director bei Green Alley,
Gründerförderer für Start-ups aus der Kreislaufwirtschaft
Green Alley fördert mit einem eigenen Award junge Gründer und Start-ups, die mit ihren Ideen zu einer Circular Economy beitragen. Die Bewerbungsfrist für den Green Alley Award endet am 27. Juli 2016. Mehr Informationen unter www.green-alley-award.com

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