Wie nachhaltig ist MSC-Fisch wirklich?

Logo: MSC

Jedem, der Wert auf nachhaltigen Fischkauf legt, dürfte das MSC (Marine Stewardship Council)-Logo ein Begriff sein. Es soll dem Verbraucher garantieren: Die Bestände dieser Tiere sind nicht überfischt, die ökologischen Nebenwirkungen des Fischfangs so gering wie möglich. Außerdem besagt das Logo die Gesetzestreue sowie die schnelle Reaktion der Fischerei auf veränderte Rahmenbedingungen.

 

Wissenschaftler verschiedener Institutionen und Interessensverbände, darunter Greenpeace und die US-amerikanische Meeresschutzorganisation Oceana, veröffentlichten jetzt im Fachblatt Biological Conservation ein Review-Paper, das andere Schlüsse zieht.

 

Das Fazit der Autoren: Die Auflagen für den Erhalt des MSC-Logos sind nicht streng genug und zu „schwammig“ formuliert. Der MSC verstieße etwa mit der zertifizierten Schwertfisch-Fischerei in Kanada gegen sein eigenes Prinzip der ökologischen Verträglichkeit, da fünfmal so viele Haie wie Schwertfische sowie einige stark bedrohte Unechte Karettschildkröten beziehungsweise Lederschildkröten (1.200 bzw. 170 auf 20.000 Schwertfische) mitgefangen würden. Auch stelle die MSC-zertifizierte Seelachs-Fischerei in Alaska einen Verstoß gegen das US-amerikanische Artenschutzgesetz dar: Es blieben nicht genügend Seelachse im Wasser, um den Erhalt der bedrohten Steller-Seelöwen sicher zu stellen.

 

Foto: Wikimedia commons/Hannes Grobe, AWI

MSC: „Keine Schwarz-Weiß-Aussagen“

 

Der MSC widerspricht dieser Darstellung. Pressesprecherin Gerlinde Geltlinger erläutert: „In den Fanggründen Alaskas sind großräumige Gebiete gesperrt worden, um die Lande- und Nahrungsplätze von Steller-Seelöwen zu sichern.“ Hohe Beifangraten in Kanada bestätigte Geltlinger zwar, betonte jedoch auch: „Erstens sind die genannten Zahlen unrealistisch hoch und zweitens stellt die Fischerei für die Haie und Schildkröten nicht die Hauptbedrohung dar. Ihre Bestände sind nicht gefährdet.“ Zudem seien elf neue Zertifizierungsauflagen verordnet worden, die jährlich kontrolliert würden. Verbessertes Fanggerät, das die Beifangraten reduziere und die schnelle Befreiung von Schildkröten ermögliche, gehöre ebenfalls zu den Verbesserungsmaßnahmen.

 

Der MSC verzichte bewusst auf Schwarz-Weiß-Aussagen und exakte Vorgaben, so Geltlinger weiter. Was in einem Ökosystem schon zu viel Beifang sei, sei anderswo tolerabel - wo Grundschleppnetze verheerend seien, etwa in der Nähe von Korallenriffen, könnten sie woanders sogar die ökologischere Alternative darstellen. So sei etwa der Beifang von Schweinswalen in der Ostsee eingedämmt worden - dank des Ersatzes der Stell- durch Grundschleppnetze.

 

Foto: flickr/reisezeiten

Nur einem von 19 Einsprüchen stattgegeben

 

Die Autoren der Review fassen insgesamt 19 Fälle von Einsprucherhebung gegen MSC-zertifizierte Fischereien zusammen, unter den Antragstellern sind wiederum Greenpeace, Oceana und der WWF. Ihr Kritikpunkt, dass nur ein einziger Einspruch dafür sorgte, dass der Fischerei das Siegel entzogen wurde, wertet der MSC hingegen als klares Zeichen für die hohe Qualität des Zertifizierungsverfahrens.

 

Zudem sei es nicht nur im Falle der Einsprüche zu erheblichen Verbesserungen in den betroffenen Betrieben gekommen. Der MSC verweist etwa auf seit 2007 um 40 beziehungsweise 90 Prozent gesunkene Königslachs-Beifangquoten in der Seelachsfischerei im Golf von Mexiko beziehungsweise der Beringsee. Dies ist nur eines von vielen Ergebnissen einer im Auftrag des MSC durchgeführten, 2012 veröffentlichten Studie.

 

Gerd Hubold, Wissenschaftler am Institut für Marktanalyse und Agrarhandelspolitik des deutschen Thünen-Instituts und bis Anfang 2012 Generalsekretär von ICES, dem Internationalen Rat für Meeresforschung, kommentiert dazu: “Die für diese Studie verwendeten Quellen und Methoden sind auf internationaler Ebene anerkannt und robust. Die Studienergebnisse sind schlüssig und zeigen, dass das MSC-Siegel tatsächlich ein glaubwürdiges Zeichen für nachhaltig genutzte Bestände ist.“

 

Kritische Stimmen auch aus Kiel

 

Die Studie ist eine Reaktion auf kritische Stimmen aus dem Geomar-Institut für Ozeanforschung in Kiel, die auch im Review-Paper zitiert werden. Fischereiexperte Prof. Dr. Rainer Froese erläuterte im April 2012 gegenüber der Welt: „Nur etwa die Hälfte der MSC-zertifizierten Produkte stammte aus nachweislich gesunden Beständen und wurde nicht zu oft und zu stark, also zu hart befischt. Etwa ein Drittel der zertifizierten Fischbestände war zu klein und wurde gleichzeitig zu hart befischt, so dass sich die Bestände nicht erholen können und schrumpfen. Die übrigen Bestände waren entweder zu klein oder zu hart befischt, oder es lagen keine belastbaren Informationen vor."

 

Foto: Wikimedia commons/Richard Peter, Deutsche Fotothek

Laut MSC beliefen sich die Einschätzungen der Autoren Froese und Alexander Proelss jedoch überwiegend auf die unterschiedlichen Definitionen der „Überfischung“ „Eine global agierende Organisation wie der MSC muss international abgestimmte und anerkannte Definitionen verwenden. Die von Froese und Proelss verwendete Definition von ‚Überfischung‘ und viele der verwendeten Referenzpunkte sind international nicht akzeptiert. Die Resultate der Studie sind somit irrelevant.“, erklärte Christopher Zimmermann, Vorsitzender im Technischen Beirat des MSC. Pressesprecherin Gerlinde Geltlinger betonte auf Anfrage von global°: „Wir sind offen für Kritik und sollte es irgendwann so sein, dass Überfischung nach Froeses Kriterien international anerkannt ist, werden wir selbstverständlich darauf reagieren.“ Bis dahin jedoch seien die Auflagen der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) und des ICES (International Council for the Exploration of the Seas) maßgeblich.

 

Übrigens sprach sich auch Froese gegenüber der Welt klar dafür aus, dass MSC-Logo beim Kauf von Fisch und Meeresfrüchten weiter zu berücksichtigen, „weil trotz aller Fehler der Anteil gesunder Bestände hier höher ist als bei nicht-zertifizierter Ware.“ Die Suche nach dem blauen Siegel ist beim Einkauf also weiterhin zu empfehlen - kritisches Hinschauen aber auch! NISO

 

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