
Ungleichheit in Deutschland: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zwischen 1991 und 2015 um knapp 32 Prozent gewachsen. Der gesamtwirtschaftliche Wohlstand in Deutschland hat hingegen im gleichen Zeitraum lediglich um knapp 6 Prozent zugenommen.
Zwar hat sich der Wohlstand zuletzt erstmals seit langem wieder im Gleichklang mit dem BIP entwickelt. 2015, so die nun vorliegenden neuesten Daten, stieg er um 1,4 Prozent, 2014 sogar um 2,6 Prozent. Doch trotz dieser Beschleunigung befand sich das gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsniveau Ende 2015 nur auf dem gleichen Stand wie Mitte der 1990er Jahre.
Nationale Wohlfahrtsindex 2017: Anstieg der Ungleichheit
Das zeigt der Nationale Wohlfahrtsindex 2017 (NWI 2017), den ein Wissenschaftlerteam um Hans Diefenbacher vom Institut für Interdisziplinäre Forschung (FEST) Heidelberg) im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung aktualisiert hat. Hauptgrund für das relativ schwache Abschneiden bei der Wohlfahrtsentwicklung ist nach Analyse der Forscher der deutliche Anstieg der Einkommensungleichheit vor allem in den 2000er Jahren.
Der NWI hat das Ziel, Lücken zu schließen und Widersprüche aufzulösen, die sich bei der klassischen Methode der Wohlstandsmessung allein über das BIP ergeben. Experten kritisieren, dass das Inlandsprodukt weder die Verteilung der Einkommen noch Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen angemessen erfasst. Beispielsweise steigern Sanierungsarbeiten, mit denen eine Umweltverschmutzung beseitigt wird, in vollem Umfang das BIP. Dieser Teil des Wachstums trage aber „nicht zu einer wirklichen Wohlfahrtssteigerung bei“, betonen Diefenbacher und seine Forscherkollegen Benjamin Held (FEST), Dorothee Rodenhäuser (FEST) und Roland Zieschank (FU Berlin).
20 Indikatoren von Konsum über Ungleichheit bis Luftverschmutzung
Die Wissenschaftler beziehen für den NWI insgesamt 20 Komponenten ein, um ein realistischeres Bild der Wohlfahrtsentwicklung zu erhalten. Zu den wichtigsten zählt der private Konsum, der mit dem so genannten Gini-Index gewichtet wird. Dieser Index zeigt an, wie gleich oder ungleich die Einkommen in einem Land verteilt sind. Wird die Verteilung ausgeglichener, gibt das Pluspunkte beim Konsum, steigende Ungleichheit führt zu einem Abzug. Das begründen die Forscher nicht moralisch, sondern ökonomisch: Wenn zusätzliche Einkommen Menschen mit geringerem Einkommen zufließen, stiften sie dort einen höheren „Grenznutzen des Konsums“ als bei Reichen, bei deren Einkommen der gleiche absolute Zuwachs kaum ins Gewicht fällt. Und die ihre Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen schon weitaus besser decken konnten.
Darüber hinaus erfasst der NWI unter anderem auch die Wertschöpfung durch Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten sowie einen Teil der öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Bildung als wohlfahrtsstiftend. Von der Bilanz abgezogen werden dagegen etwa Aufwendungen zur Kompensation von Umweltbelastungen, Kosten für nicht erneuerbare Energieträger, Schäden durch Luftverschmutzung, Treibhausgase oder Lärmbelästigung sowie Kosten, die durch Kriminalität und Verkehrsunfälle entstehen. Auf diese Weise haben die Forscher in ihre Berechnung einen Korrekturfaktor eingebaut, um „Schattenseiten“ des grundsätzlich positiv gewerteten Konsums zu erfassen.
Im Vergleich zu Vorläuferversionen ist der IMK-geförderte NWI 2017 deutlich aktueller. Das liegt vor allem daran, dass die Forscher einen Weg gefunden haben, den Gini-Wert rascher verlässlich einzubeziehen. Daher kann der Index erstmals einen vorläufigen Wert für das gesamte Jahr 2015 liefern. Die älteren Versionen hatten noch eine Vorlaufzeit von mindestens zwei Jahren.

3 Phasen der wohnstandsentwicklung seit 1990
Für den Zeitraum seit 1991 identifizieren die Forscher drei abgeschlossene Phasen der Wohlfahrtsentwicklung. Möglich ist, dass die aktuellsten Jahre 2014 und 2015 den Beginn einer vierten Phase mit wieder beschleunigter Wohlstandssteigerung markieren: „Ob diese über einen längeren Zeitraum anhalten wird, lässt sich allerdings noch nicht beurteilen“, schreiben die Wissenschaftler.
In den beiden aktuellsten für den NWI auswertbaren Jahren wuchsen BIP und Wohlstand erstmals seit anderthalb Jahrzehnten wieder annähernd gleich stark: 2014 legte der Wohlfahrtsindex um 2,6 Prozent zu und ließ das Wirtschaftswachstum (1,6 Prozent) damit sogar hinter sich. 2015 nahm der NWI um 1,4 Prozent zu, das BIP um 1,7 Prozent. Nach Analyse der Forscher beruhte die Annäherung vor allem auf einer soliden Zunahme beim Konsum im Gefolge spürbarer Reallohnzuwächse. Dazu kamen 2014 niedrigere Kosten für nicht erneuerbare Energieträger, weil witterungsbedingt der Verbrauch von Heizenergie sank. Die Entwicklung der Einkommensungleichheit wirkte sich unterschiedlich aus: 2014 nahm sie leicht ab, 2015 stieg sie nach der vorläufigen Gini-Schätzung leicht wieder an.
red
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