Damenstrümpfe aus Chicorée-Abfall

Foto: Universität Hohenheim

Zu schade für den Kompost: Wissenschaftler der Universität Stuttgart-Hohenheim entwickeln ein Verfahren, mit dem sie aus Chicorée-Salatresten Basis-Chemikalien für Industrie gewinnen. Aus der Wurzelrübe stellen sie lieber Nylon, Perlon, Polyester oder Kunststoffflaschen her.

Sie wollen Damenstrümpfe bald aus Essenabfall weben: So die Vision von Andrea Kruse und Judit Pfenning. Die Wissenschaftlerinnen arbeiten in der Versuchsstation des Hohenheimer Universitätsgeländes. Dort pflanzen sie Chicorée-Salat. Die zweijährige Pflanze steht nur die ersten fünf Monate auf dem Acker. Dann mulchen Bauern die Blätter ab und ernten die Wurzelrüben. Die lagern sie kühl. Im Treibraum treiben sie neue Blattknospen aus, die Marktkunden später als Salat verspeisen.

 

Salat als Baustein für die Chemieindustrie

 

Die Wissenschaftlerinnen interessieren sich weniger für die Blätter. Ihr Interesse gilt der Wurzel. „Die Wurzelrübe macht 30 Prozent der Pflanze aus. Die eingelagerten Reservekohlenhydrate werden für die Bildung der Salatknospen nicht vollständig aufgebraucht, so dass wertvolle Reservestoffe verbleiben. Die Wurzelrüben können jedoch nur einmal für die Chicorée-Treiberei genutzt werden, fallen nach der Knospenernte als Abfallstoff an und müssen entsorgt werden.“, erklärt Agrarbiologin Judit Pfenning.

 

Foto: Universität Hohenheim

Die wertvollen Reste nutzt Andrea Kruse im Labor des Instituts für Agrartechnik. Sie versetzt gehäckselte Rüben unter Druck mit verdünnter Säure und erhitzt sie. Nach weiteren Arbeitsschritten erhalten die beteiligten Wissenschaftler ein braun gefärbtes kristallines Pulver: ungereinigtes Hydroxymethylfurfural. Es ist eine von 12 Chemikalien, die sie künftig in der Kunststoffindustrie verwenden wollen. Sein Wert: 2.000 Euro pro Kilogramm.

 

Interdisziplinäre Forschung sichert Qualität des nachwachsenden Rohstoffs

 

Den Stoff gewinnen Chemiker bislang aus Erdöl. Sie könnten ihn auch aus Fruchtzucker synthetisieren. „Fructose ist essbar. Es gibt bessere Verwendungszwecke als HMF daraus zu gewinnen“, sagt Kruse. Anders die Chicorée-Wurzelrübe. „Sie ist bislang nur ein Abfallprodukt.“

Das Problem ist och, die gleich bleibende Qualität der Rübe zu garantieren. Deshalb arbeitet sie mit der Agrarbiologin zusammen. „Es ist ein Projekt, das sich nur durch interdisziplinäre Zusammenarbeit umsetzen lässt“, betonen die Wissenschaftlerinnen. Zum einen die Qualitätskontrollen, Anbau- und Lagerungsversuche im Pflanzenbau, zum anderen die Laborexperimente in der Konversionstechnologie.


red

 

 

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