Milben beweisen: Evolution kann auch rückwärts

Milben stellen die Evolution auf den Kopf: Auch Einpersonenhaushalte sind in Wahrheit WGs- wenn die dazugehörigen Mitbewohner auch mikroskopisch klein und wenig kommunikativ sind. Dafür sind sie hartnäckig und nicht klein zu kriegen- rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit wissen das aus leidvoller Erfahrung. Das Stichwort heißt Hausstauballergie.

 

Doch von wem stammen die winzigen Plagegeister eigentlich ab? Nicht weniger als 62 veröffentlichte Theorien kursieren zu der Frage, ob die Vorfahren „unserer“ Milben ebenfalls frei lebend waren oder sich als Parasiten in Vögeln und Säugetieren einnisteten. Die Biologen Pavel Klimov und Barry O Connor von der University of Michigan scheuten weder Kosten noch Mühen und überprüften jede einzelne der 62 Hypothesen. Dazu wurden nicht weniger als 700 Milbenarten, frei lebend wie parasitär, aus aller Welt untersucht. 64 Biologen aus 19 Ländern waren an dem Mammutprojekt beteiligt.

 

Foto: Wikimedia commons/R.B.

Dollo’sches Gesetz über den Haufen geworfen

 

Das Ergebnis ist eine kleine Sensation: DNA-Analysen, die Erstellung evolutionärer Stammbäume und umfangreiche statistische Analysen deuten darauf hin, dass die Vorfahren die Hausstaubmilbe parasitär lebten. „Viele Forscher auf dem Gebiet sind der Meinung, dass eine derartige Lebensform unumkehrbar ist“- wir waren so überrascht, dass wir vor der Veröffentlichung der Resultate erst einmal das Feedback unserer Kollegen einholten“, erzählt Pavel Klimov. Mittlerweile sind die Befunde der Wissenschaftler schwarz auf weiß im Fachblatt Systematic Biology nachzulesen. Wo sie ganz nebenbei auch noch das umstrittene Dollo’sche Gesetz über den Haufen werfen, das besagt, dass die Evolution niemals rückwärts laufen kann. Doch die parasitären Milben entwickelten sich wiederum aus ihren frei lebenden Ahnen.

 

Parasiten sind derart darauf spezialisiert, die Körper ihrer Wirte in perfektionistischer Manier auszubeuten, dass dafür vieles andere auf der Strecke bleibt. Häufig verkümmern sie einfach, weil ihr Wirtskörper ihnen bereits all das liefert, was sie zum Leben brauchen: ein gemütliches und sicheres Zuhause mit ausreichend Nährstoffen.

 

niso

 

Hoffnung für Allergiker?

 

Wie war es also möglich, dass sich die Milben im Laufe der Evolution sozusagen wieder selbstständig machten? Klimov und O Connor vermuten: Die Parasiten waren extrem flexibel und hatten ausgesprochen niedrige Ansprüche an ihre Umgebung. Fehlende Feuchtigkeit sowie das Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Wirten waren keine nennenswerten Probleme. Hinzu kam, dass die Vorfahren der Hausstaubmilbe über äußerst leistungsfähige Verdauungsenzyme verfügten- da werden heute selbst Mahlzeiten wie Hautschuppen oder schwer verdauliche Vogelfedern zum Festschmaus.

Aus Vogelnestern und Nagetierbauten in der Nähe menschlicher Behausungen machten sich die Milben dann auf in unsere Wohnzimmer- und bringen uns dort bis heute zum Niesen oder Schlimmerem. Vielleicht fragen Sie sich jetzt als Allergiker, was Ihnen die Abstammungslehre der kleinen Spinnentiere nun bringt? „Wenn wir wissen, woher die Milben ursprünglich kommen, verrät uns das auch jede Menge über die Eigenschaften ihrer Allergene und über die Gene, die für ihre Entstehung verantwortlich sind“, erläutert Barry O Conor. Vielleicht können wir also irgendwann doch noch Frieden mit unseren unsichtbaren WG-Genossen schließen. NISO

 

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