Jeder Blinde träumt von dem, was für die meisten Menschen völlig selbstverständlich ist: Sehen können. Seit Jahren suchen Wissenschaftler schon nach Methoden, die Sehkraft von Erblindeten wieder herzustellen. Neue Studienergebnisse des Departments für Augenheilkunde des Uniklinikums Tübingen lassen wieder Hoffnung aufkommen, dass bald der entscheidende Schritt gemacht wird. Ein elektronischer Seh-Chip erlaubte Teilnehmern der Tübinger Studie tatsächlich erste Seherfahrungen.

Ein elektronischer Mikro-Chip ersetzt die Sinneszellen des Auges

Getestet wurde das sogenannte Alpha-IMS-Implantat an Probanden, die aufgrund einer Netzhautdegeneration vollständig erblindet sind. Bei dieser erblichen Erkrankung werden die lichtempfindlichen Sinneszellen des Auges zerstört. Der Chip soll die Aufgabe der abgestorbenen Zellen übernehmen, das auftreffende Licht einzufangen und in elektrische Signale umzuwandeln. Das Gehirn setzt diese Signale dann in ein „Bild“ um. Das 3x3 mm große Implantat liefert dabei eine Auflösung von 1500 Pixeln. Wahrgenommen wird aber nur ein rechteckiger Ausschnitt der Umgebung von etwa 12°, der in bis zu neun differenzierbaren Grautönen dargestellt wird. Ein Vorteil des Implantates ist, dass die natürliche Augenbewegung zur Lokalisation von Objekten weiterhin genutzt werden kann. Das Implantat ist weltweit der einzige Ansatz in einer klinischen Studie, bei dem der lichtempfindliche Chip direkt im Auge sitzt und nicht in einem Kameragehäuse am Brillengestell.
Wahrnehmung wie Schwarz-Weiß-Fernsehen

Die von dem Implantat gelieferten Bilder sind zwar nicht das gleiche wie „normales“ Sehen, aber immerhin erlaubt es Blinden eine bessere Orientierung in ihrer Umwelt. Beispielsweise können sie Gegenstände wie Bäume, Möbel, Geschirr und Besteck auf dem Tisch oder Autoscheinwerfer in der Nacht erkennen. Manche konnten auch Gesichtsmimik interpretieren oder Buchstaben lesen. Teilnehmer der Studie geben an, dass sich dieses sogenannte „künstliche Sehen“ mit Chip relativ wenig vom normalen Sehen unterscheidet. Abgesehen von den fehlenden Farben, der limitierten Sehschärfe und der leicht blinkenden Wahrnehmung (das Implantat arbeitet immer mit einer bestimmten Frequenz) sei es dem normalen Sehen sehr ähnlich. Man könne es sich als schwarz-weißes, unscharfes Sehen mit einer reduzierten Zahl von Kontrasten in einem konzentrisch verengten Gesichtsfeld vorstellen.
Insgesamt bewerten die Teilnehmer der Studie ihre Erfahrungen mit dem Implantat durchaus positiv: Der Chip vermittle ihnen durchaus nützlich Sehinformationen für den Alltag. Die größten Verbesserungen sehen sie vor allem in der Lokalisation von Gegenständen, der Orientierung im Raum und der Kommunikation mit anderen Personen.
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