27.11.2018

Schreckgespenst Waldsterben kehrt zurück: Wissenschaftler registrieren in den zurückliegenden Jahren ein Ansteigen toter Bäume in den Wäldern Mitteleuropas um das Doppelte!
Das Waldsterben war zu Begnn der 1980er und 1990er-Jahre in aller Munde. Tote Bäume wurden zum Fanal und mobilisierten seit den 1970ern bereits Tausende Umwelt- und Naturschützer. „Nicht zuletzt aufgrund der intensiven medialen Debatte wurden die damals für das Waldsterben hauptverantwortlichen Schadstoff-Immissionen stark reduziert, was den Wald bedeutend entlastet hat“, beschreibt jetzt der Informationsdienst der wissenschaft (idw) die Anstrengungen, den Forst vital und grün zu erhalten. Dennoch häufen sich nun erneut Meldungen über tote Bäume in den Wäldern Mitteleuropas.
Eine soeben in der Fachzeitschrift Nature Communications publizierte Studie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) dokumentiert stark steigende Baummortalität in Mitteleuropas Wäldern.
Baumsterben sei nicht gleich Waldsterben, sagen Wissenschaftler
Eine Forschergruppe der HU und der Universität für Bodenkultur in Wien untersuchte die Baummortalität in Deutschland, Österreich, Polen, Tschechien, der Slowakei und der Schweiz. Dabei registrierte die Gruppe um Cornelius Senf und Rupert Seidl anhand von 720.000 manuell interpretierten Satellitenbildern, dass sich die Mortalität in Mitteleuropas Wäldern in den letzten dreißig Jahren verdoppelt hat: War 1985 im Schnitt noch ein halbes Prozent der Waldfläche pro Jahr vom Baumtod betroffen, so waren es 2015 bereits ein Prozent pro Jahr.
Insgesamt ist nach Berechnungen der Wissenschaftler jährlich eine Waldfläche von rund 3. 000 Qudratkilometern (km2) betroffen, das entspricht in etwa der Fläche des Saarlands.
„Basierend auf den nun vorliegenden Daten ist erstmals klar, dass die aktuelle Welle der Baummortalität jene des 'Waldsterbens' vor 30 Jahren deutlich übersteigt“, zitiert idw aus der Studie.
Die Gründe für das zunehmende Baumsterben seien vielfältig, zitiert die Meldung die Experten. So waren die letzten Jahre von klimatischen Extremen geprägt, die dem Wald stark zusetzten.
„Winterstürme und Borkenkäfer, welche sich durch die warmen und trockenen Bedingungen rasch vermehren, verursachen großflächige Baummortalität“, sagt Cornelius Senf. Ein weiteres Ansteigen der Baummortalität im Klimawandel sei wahrscheinlich.
Auch menschliche Nutzung des Waldes in Mitteleuropa habe jedoch in den letzten Jahrzehnten zugenommen, da Holz ein stark nachgefragter, lokal verfügbarer und natürlicher Rohstoff sei. Zwar dokumentiert die Studie, dass der Waldbau in den letzten 30 Jahren deutlich schonender geworden ei. „Unsere Daten zeigen eine Verschiebung von großflächigen Kahlschlägen hin zu einer kleinflächigen Öffnungen des Kronendachs und der Entnahme von nur wenigen Bäumen pro Bestand“, sagt dazu Rupert Seidl.
Paradox mutet auf den ersten Blick an, sagen die wissenschaftler nach Auswertung ihrer Daten, dass sich - während die von Baummortalität betroffene Waldfläche über die letzten 30 Jahre zunahm - die Anzahl der sterbenden Bäume in Mitteleuropas Wäldern kaum änderte. Dies lasse sich dadurch erklären, dass heute tendenziell ältere und größere Bäume sterben als in der Vergangenheit und diese im Kronendach des Waldes eine größere Lücke hinterlassen.
„Ob wir aktuell eine neue Phase des Baumsterbens erleben hängt also auch davon ab, welche Maßzahl man dafür heranzieht“, betonen die Forscher. Das Baumsterben jedoch nicht gleich „Waldsterben“ ist, darüber sind sie sich einig, denn: Vielerorts wachse unter den abgestorbenen Bäumen bereits die nächste Baumgeneration heran.
red
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