Petrobras schließt Biodieselfabrik

Foto: Bruno Covas / flickr (CC BY 2.0)

Fabrik wird geschlossen, Kleinbauern gehen leer aus: Das Geschäft mit dem Biodiesel erwies sich für den Staatskonzern als Flop. Kritiker der Verwendung von Biosprit haben Grund zur Freude, betroffene Landwirte verlieren ihre Existenzgrundlage: Im vergangenen Monat kündigte Brasiliens teilprivatisierter staatlicher Erdöl- und Energieriese Petrobras den Ausstieg aus der Produktion des umstrittenen Treibstoffes aus nachwachsenden Rohstoffen an. Nun wird der Konzern eine erste seiner fünf Fabriken zur Herstellung von Biodiesel zum 1. November dichtmachen, da sie nur Verluste einfuhr: Die zur Verarbeitung des Öls vom sogenannten Wunderbaum (Rizinus) errichtete Fabrik Quixadá im Nordostbundesstaat Ceará.

 

Fast genau vor acht Jahren, im August 2008, hatte Brasiliens damaliger Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva die rund 20 Millionen Euro teure, mitten in die Caatinga-Waldregion Cearás hineingebaute, Biodieselfabrik mit viel Pomp und großen Hoffnungen eingeweiht. Das auch mit deutschen Steuergeldern und Agrartechnikern der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit« – die heutige Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – vorangetriebene Projekt, war ökonomisch wie sozial sehr ambitioniert. Damit verbanden die Verantwortlichen von Petrobras damals die Perspektive, rund 9.000 Kleinbauernfamilien zu einem stabilen Einkommen zu verhelfen. Diese sollten Rizinus und Sonnenblumen in der Region anbauen und an die Fabrik liefern. Anvisiert war eine jährliche Produktion von rund 108 Millionen Litern Biodiesel. Die Bauernfamilien, die Rizinuspflanzen anbauten, hätten nun einen sicheren Absatzmarkt, lobte damals der deutsche Entwicklungsberater und heutige Honorarkonsul in Ceará, Hans-Jürgen Fiege gegenüber der Frankfurter Rundschau. Tatsächlich fuhr Quixadá Jahr für Jahr nur Verluste ein, zuletzt 2015 umgerechnet rund fünf Millionen Euro.

 

Rizinuspflanze Foto: Ton Ruikens / Wikimedia (CC BY-SA 2.0)

Auf dem Papier sei die Biodieselfabrik von Quixadá ein Projekt zur Förderung der familiären Landwirtschaft gewesen. Das aber habe nicht funktioniert, erläuterte Douglas Uchoa, Direktor der Petrobras-Gewerkschaft (Sindipetro) von Ceará und ehemaliger Mitarbeiter der Biodieselfabrik in einem aktuellen Pressebeitrag. Die Rizinusproduktion blieb weit hinter den Erwartungen zurück und erreichte maximal 14.000 Kilogramm pro Jahr. Deshalb musste teures Sojaöl aus anderen Bundesstaaten zugekauft und per Lastwagen herantransportiert werden. Uchoa fasste die Misere lapidar zusammen: “Das große Problem war das Sojaöl, das 80 Prozent der Produktionskosten des Biodiesels verschlang.“

 

Die ursprünglich zur Förderung der kleinbäuerlichen Wirtschaft im artenreichen Zentrum Cearás gebaute Biodieselfabrik habe ihr Ziel verfehlt. “Von den Tausenden von Familien, die sich für das Programm eingeschrieben hatten, verblieben nur noch ein paar hundert“, schrieb der Lokaljournalist Gooldemberg Saraiva in seinem Blog Monólitos Post.

 

Petrobras hat der brasilianischen Rechten mit seinem undurchsichtigen Geschäftsgebaren zuletzt den willkommenen Anlass geboten, die gewählte Staatspräsidentin Dilma Rousseff zu stürzen. Der Staatskonzern ist auch ein wirtschaftlicher Riese. Er verfügt mit den vor einigen Jahren im Atlantik entdeckten neuen Vorkommen riesige Reserven. Mehrere Kilometer unter einer Salzschicht gelegen, werden im „Libra“-Ölfeld bis zu zehn Milliar­den Barrel (Fass; je 159 Liter) Erdöl vermutet. Regierungsbehörden gaben in der Boomzeit der Förderung, die im Sommer 2014 ein vorläufiges und jähes Ende gefunden hatte, sogar potentielle Reserven von bis zu 12 Milliarden Fass Öl an. Gut 150 Kilometer östlich der Metropole Rio de Janeiro liegt Brasiliens vermutlich größter Schatz – und ist doch derzeit kaum gefragt. Um ihn zu heben, müsste der Preis des fossilen Rohstoffes wieder signifikant steigen.

 

Statt satte Gewinne einzufahren, sitzt Petrobras derzeit auf einem Schuldenberg von rund 100 Milliarden Euro. Ein guter Teil davon stammt aus seiner Biospritabteilung. Das Unternehmen sei ein Erdölförder- und Verarbeiter, müsse sich also auf sein Kerngeschäft konzentrieren, begründet nun der neue Präsident des Staatskonzerns, Pedro Parentes, den Ausstieg aus der Biodieselherstellung. “Wir sind klar nicht einer der besten Betreiber in diesem Segment.“

 

Die Fabrik in Quixadá galt bei ihrer Fertigstellung als Symbol des Fortschritts im Nordosten des Landes. Ab November diesen Jahres, wenn die Tore endgültig geschlossen sind, wird sie Symbol einer Fehlentwicklung sein. Was mit den anderen beiden Biodieselfabriken von Petrobras in den Bundesstaaten Minas Gerais (Montes Claros) und Bahia (Candeias) geschieht, ist noch unklar. Bis auf weiteres, so der Konzern, werde der Betrieb aufrechterhalten. Das gleiche gilt für die beiden Fabriken in den südlichen Anbaustaaten Marialva in Paraná und Passo Fundo in Rio Grande do Sul, die dort auf Basis von Sojaöl Dieseltreibstoff erzeugen.

Dieser Artikel wurde zuerst in der "junge Welt" veröffentlicht...

 

Autor: Norbert Suchanek, Rio de Janeiro

 

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